Wahlkampf in Kolumbien aufgemischt

Rodolfo Hernandez: Der Tiktok-Opa mit dem Merkel-Konzept

Rodolfo Hernandez (2. v. r.), Bauunternehmer und Ex-Bürgermeister von Bucaramanga.

Rodolfo Hernandez (2. v. r.), Bauunternehmer und Ex-Bürgermeister von Bucaramanga.

Bogota. Eigentlich war für die kleine sozialistische Revolution schon alles vorbereitet: Ex-Guerillero und Linkskandidat Gustavo Petro führte die Umfragen an und schien ziemlich eindeutig auf einen historischen, weil ersten linken Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien zuzusteuern. Doch dann tauchte Rodolfo Hernandez (77) auf: Der Bauunternehmer und Ex-Bürgermeister von Bucaramanga sorgt in dem südamerikanischen Land dafür, dass nichts mehr so ist, wie es einmal geplant war.

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Hernandez schaffte es zunächst, als weitgehend unbekannter Kandidat mit 28 Prozent den rechten Platzhirsch „Fico“ Gutierrez (23 Prozent) zu überflügeln. Der musste als Kandidat des Regierungslagers nach der ersten Runde seine Niederlage eingestehen und sagte daraufhin Hernandez seine Unterstützung für die Stichwahlen zu.

Nun führt Hernandez, der sich selbst „König Tiktok“ nennt, sogar die Umfragen knapp vor Petro an. Mit seinen lustigen, oftmals aber auch belanglosen Clips in den sozialen Netzwerken gelang es dem Senior die Aufmerksamkeit der jungen Wähler auf sich zu erlangen. Vor allem aber grenzte sich „Ingenieur Rodolfo“, wie er sich selbst vorstellt, vom politischen Establishment ab.

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Ein politischer Trick nach deutschem Vorbild

Das Petro-Lager, das eigentlich ganz auf einen Lagerwahlkampf gegen den Rechtskonservativen Gutierrez eingestimmt war, wirkt etwas konsterniert. Für den Sozialisten ist der Außenseiter Hernandez nicht richtig zu packen, weil der Überraschungsrivale zu einem politischen Trick greift, der auch in Deutschland lange bestens funktioniert hat: Er tritt auf wie ein Konservativer, übernimmt aber einige Ideen des linken Lagers. Das klingt ein bisschen nach Angela Merkels Rezept der Sozialdemokratisierung der CDU.

Kolumbien: Berüchtigter Drogenboss an USA ausgeliefert

Dairo Antonio Usuga alias „Otoniel“ soll laut kolumbianischen Behörden jährlich bis zu 200 Tonnen Kokain geschmuggelt haben.

Konkret heißt das, dass sowohl der Sozialist Petro als auch der Bauunternehmer Hernandez auf dem Papier ähnliche Positionen vertreten: Friedensgespräche mit der ELN-Guerilla, den Friedensvertrag mit der FARC vollumfänglich umsetzen, Korruptionsbekämpfung, Abtreibung als Selbstbestimmungsrecht der Frau, Marihuananutzung zur medizinischen Nutzung, Nein zu Fracking zur Erdölförderung oder Glyphosat-Einsatz zur Bekämpfung des Drogenanbaus.

„Das Land hat genug von Petro gegen Uribe und Uribe gegen Petro“, sagt Hernandez und spielt dabei auf die Polarisierung zwischen links und rechts an. Der rechte Hardliner und Ex-Präsident Alvaro Uribe (2002–2010) ist das Feindbild des Petro-Lagers. Hernandez ist es nun gelungen, laut Umfragen zwar die Stimmen des Uribe-Lagers einzufangen, nicht aber als dessen Vertreter wahrgenommen zu werden. „Der Uribismus ist am Sonntag beerdigt worden“, sagt Hernandez mit Blick auf die Niederlage von Gutierrez und inszeniert sich als Mann der Mitte.

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Petro bleiben nun noch knappe zwei Wochen, um entweder im Lager der Nichtwähler genügend Stimmen zu mobilisieren oder aus dem rechten Spektrum Unterstützung an Land zu ziehen. Letzteres gilt als unwahrscheinlich. Kolumbien steht vor einem Kopf-an-Kopf-Rennen, das so niemand erwartet hatte.

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