Vereinigte Staaten

Russlands Krieg könnte US-Militärpräsenz in Europa verändern

11.03.2022, Bayern, Grafenwöhr: Eine US-Flagge auf der Uniform eines US-Soldaten. Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine hat die USA bereits dazu veranlasst, mehr Soldaten und Waffen zum Schutz von Nato-Partnern nach Europa zu schicken. Wie es hieß, eine vorübergehende Maßnahme. Aber vielleicht auch nicht?

11.03.2022, Bayern, Grafenwöhr: Eine US-Flagge auf der Uniform eines US-Soldaten. Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine hat die USA bereits dazu veranlasst, mehr Soldaten und Waffen zum Schutz von Nato-Partnern nach Europa zu schicken. Wie es hieß, eine vorübergehende Maßnahme. Aber vielleicht auch nicht?

Washington. Wladimir Putins Krieg in der Ukraine und sein Versuch, die Sicherheitsordnung in Europa auf den Kopf zu stellen, könnten zu einer Änderung im amerikanischen Denken über die Verteidigung des Kontinents führen. Abhängig davon, wie weit der russische Präsident gehen wird, könnte das einen Aufbau militärischer US-Macht in Europa bedeuten, wie man es seit dem Kalten Krieg nicht erlebt hat.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle Entwicklungen im Liveblog +++

Das wäre eine radikale Umkehr innerhalb kurzer Zeit. 2020 ordnete der damalige US-Präsident Donald Trump den Abzug Tausender Soldaten aus Deutschland an - zum Teil basierend auf seiner Auffassung, dass die Europäer den amerikanischen Aufwand einer stärkeren Truppenpräsenz nicht verdienten. Sein Nachfolger Joe Biden stoppte die Maßnahme, bevor sie umgesetzt werden konnte, und seit Beginn seiner Präsidentschaft ist die Regierung nicht müde geworden, die Bedeutung der Nato zu betonen. Und dann kam die Ukraine-Invasion.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Wir befinden uns in einer neuen Ära nachhaltiger Konfrontation mit Russland“, sagt Alexander Vershbow, ein früherer US-Botschafter in Russland und einstiger stellvertretender Nato-Generalsekretär. Er meint, dass die USA in Zusammenarbeit mit Nato-Verbündeten eine muskulösere Positur einnehmen müssten, um einem bedrohlicheren Russland zu begegnen. Was besonders für Osteuropa gilt, wo Russlands Nähe ein Problem für die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ist, die einst der Sowjetunion angehörten.

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin flog am Dienstag erneut nach Europa, zu einer zweiten Runde von Ukraine-Konsultationen im Brüsseler Nato-Hauptquartier. Austin will auch in die osteuropäischen Nato-Länder Slowakei und Bulgarien reisen. Nach einem Nato-Treffen im Februar hatte der Pentagonchef zwei andere Verbündete an der östlichen Flanke besucht, Polen und Litauen.

Just in den vergangenen zwei Monaten ist die US-Präsenz in Europa von etwa 80.000 Soldaten auf etwa 100.000 gestiegen. Das sind fast so viele wie 1997 auf dem Kontinent präsent waren, als die Nato eine Expansion begann, die laut Putin Russland bedroht. Im Vergleich dazu waren 1991, dem Jahr des Zusammenbruches der Sowjetunion, nach Zahlen des Pentagons 305.000 US-Soldaten in Europa stationiert, davon allein 224.000 in Deutschland. Die Zahl ist stetig heruntergegangen, auf 101.000 im Jahr 2005 und etwa 64.000 vor zwei Jahren.

USA wollen „absolut 150-prozentig sagen können, dass Europa sicher ist“

Die Aufstockung der Truppen in diesem Jahr wird als vorübergehend bezeichnet, aber es ist unklar, wie lange die zusätzlichen Soldaten bleiben werden. Sie schließen eine 4.000 Personen starke Panzerbrigade der 1. Infanteriedivision in Deutschland und eine ähnlich große Infanteriebrigade der 82. Luftlandedivision in Polen ein. Austin hat auch F-35A-Kampfflugzeuge an die östliche Nato-Flanke und Apache-Kampfhubschrauber in die baltischen Staaten geschickt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In einer jüngsten Überprüfung der weltweiten US-Militärpräsenz kam das Pentagon zu dem Schluss, dass Soldatenzahlen und Positionen in Europa ungefähr auf dem richtigen Stand seien. Aber in einer Kongressanhörung mehrere Tage nach Beginn der Invasion in die Ukraine sagte die hochrangige Pentagonbeamtin Mara Karlin, diese Einschätzung werde nun neu überdacht. Das Verteidigungsministerium müsse „sicherstellen, dass wir Russland abschrecken und absolut 150-prozentig sagen können, dass Europa sicher ist“, sagte Karlin, die die Pentagon-Überprüfung beaufsichtigt hatte.

Die Invasion hat auch manche europäische Verbündete zu einem Überdenken regionaler Verteidigungsbedürfnisse veranlasst. Dazu zählt Deutschland, das im Februar in einer Abkehr von langjährigen Prinzipien tödliche Waffen in die Ukraine schickte. Auch soll der Verteidigungsetat deutlich aufgestockt werden.

Wenn Russland die Kontrolle über die gesamte Ukraine übernähme, würde es sich an der Grenze von Nato-Staaten befinden, so von Rumänien, Ungarn und der Slowakei. Polen und Litauen teilen bereits eine Landgrenze mit der russischen Enklave Kaliningrad, Hauptquartier der baltischen Flotte der russischen Marine. Es gibt die Sorge, dass Putin sich zum Versuch entschließen könnte, die Kontrolle über diesen als Suwalki-Lücke bekannten, knapp 100 Kilometer langen Landkorridor zu übernehmen, der Kaliningrad mit Belarus verbindet.

Putin hat auch Nato-Beschränkungen in Osteuropa ausgehebelt

Vershbow, der frühere stellvertretende Nato-Generalsekretär, empfiehlt, dass die USA und die Nato sich nicht mehr wie jetzt hauptsächlich auf leichte Kampfgruppen in Bataillonsgröße stützen, sondern stattdessen schwerere, größere und permanente Einheiten stationieren. Eine derartige Umstellung an der Nato-Ostflanke ist genau das, was Putin als Bedrohung für Russland bezeichnet, und von dem er sagt, dass er das nicht länger hinnehmen werde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Kremlchef fordert eine Rückkehr zu den Gegebenheiten von 1997, als die Nato-Russland-Grundakte unterzeichnet wurde. In dem Dokument nahm Moskau zur Kenntnis, dass die Nato Pläne zur Aufnahme Polens, Ungarns und der Tschechoslowakei umsetzen werde. Der Vertrag enthält auch eine Passage, der zufolge die Nato „im vorhersehbaren Sicherheitsumfeld“ auf „die zusätzliche permanente Stationierung substanzieller Kampftruppen auf dem Territorium neuer Mitglieder“ verzichten würde.

Schließt das die Option eines US-Truppenaufbaus in Osteuropa aus? Nein, heißt es in einem neuen Bericht des Scowcroft Center for Strategy and Security, einer Einrichtung der Denkfabrik Atlantic Council. Darin wird argumentiert, dass die Beschränkungen der Nato-Militärpräsenz in Osteuropa, wie sie in der Grundakte beschrieben sind, im Licht der russischen Ukraine-Invasion irrelevant seien.

„Wir befinden uns in einem neuen, gefährlichen Territorium“, heißt es in dem Report, „einer Periode von anhaltenden Spannungen, militärischen Bewegungen und Gegenbewegungen und größeren periodischen militärischen Krisen im euro-atlantischen Raum, die mindestens in den verbleibenden 2020er Jahren, wenn nicht sogar länger, abebben und neu anschwellen werden“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

RND/AP

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen