Selbst Auschwitz wird zum Zufluchtsort

Ukrainische Holocaustüberlebende retten sich vor russischer Armee: Flucht ins Land der Täter

Der Ukrainer Borys Timofijowytsch Romantschenko überlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Peenemünde, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen (Foto aus dem Jahr 2011). Am 18. März 2022 starb er bei einem Bombenangriff in der ostukrainischen Stadt Charkiw. Romantschenko wurde 96 Jahre alt.

Berlin. Am 18. März 2022 dürften auch die Letzten verstanden haben, dass es in diesem Krieg keine Ausnahmen gibt, keine Schonung, keine Unterschiede. An diesem Tag wurde bei einem russischen Bombenangriff auf die ukrainische Millionen­metropole Charkiw das Mehrfamilienhaus getroffen, in dem Borys Tymofijowytsch Romantschenko lebte. Der 96-Jährige starb in den Trümmern. Romantschenko hatte die Konzentrationslager Buchenwald, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebt. Putins Kriegern war das offenbar egal.

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Die Welt ist bestürzt über die Brutalität, mit der Russland bei seinem Krieg in der Ukraine vorgeht. Es sterben Frauen, Kinder, alte Menschen – während ihre Ehemänner, Väter oder Enkel verzweifelt ihre Heimat verteidigen. In alldem Leid berührt viele das Schicksal einer Gruppe von Ukrainern besonders: das der Holocaust­überlebenden.

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Viele wollen nun nur noch fort. Zuletzt machte die vom israelischen Rettungsdienst Zaka organisierte Flucht der 100-jährigen Doba Huberhryz Schlagzeilen. Als sie schließlich im sicheren Moldawien ankam, hatte sie Tränen in den Augen. Eine Rückkehr könne sie sich nicht vorstellen, berichtete ein Helfer. „Sie will jetzt nur noch nach Israel.“

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Teilnehmer einer Gedenkstunde für den Buchenwald-Überlebenden Borys Romantschenko stehen vor dessen Foto.

Teilnehmer einer Gedenkstunde für den Buchenwald-Überlebenden Borys Romantschenko stehen vor dessen Foto.

Hilfsnetzwerk in Deutschland

Andere wollen trotz des Krieges ihre Heimat nicht verlassen. So berichtet Svetlana Jitomirskaya, Professorin an der Universität von Kalifornien, gegenüber Journalisten über einen Freund ihres Vaters, den sie zum Verlassen Charkiws bewegen wollte. Doch der 87-Jäh­rige lehnte die Bitte, gemeinsam mit seiner ein Jahr älteren Frau in die USA zu kommen, komplett ab: „Er weigert sich zu gehen, er will nicht wegziehen.“

Und wieder andere suchen und finden ausgerechnet im Land ihrer einstigen Peiniger Schutz. Die 96-jährige Anastasia Gulej ist Überlebende von Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen. In einer privaten Initiative hat sie ihr deutscher Biograf Maik Reichel, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, aus der Ukra­ine herausgeholt. Die Kiewerin sagt: „Ich bin erschöpft, aber erleichtert, in Sicherheit bei meinen deutschen Freunden zu sein. Gleichzeitig sind meine Gedanken bei anderen KZ-Überlebenden, die noch immer großes Leid erfahren müssen.“

Das Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine, das knapp 50 Gedenkstätten, Museen sowie verschiedene Initiativen und Vereine aus der ganzen Bundesrepublik verbindet, schätzt die Zahl der betroffenen Menschen auf insgesamt 42.000.

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Christine Glauning, Leiterin des Dokumentations­zentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin, sagt: „Ukrainische Überlebende der NS-Verfolgung müssen zum zweiten Mal in ihrem Leben einen furchtbaren Angriffskrieg erleben. Die Berichte über ihre aktuelle Situation infolge des russischen Überfalls sind erschütternd. Viele sind krank und oft zu schwach, um in die Bunker zu gehen.“

600 Überlebende schwerst pflegebedürftig

Als „grauenvoll“ bezeichnete deren Situation die inzwischen als Bundes­familien­ministerin zurückgetretene Grünen-Politikerin Anne Spiegel: „Es ist unsere besondere Verantwortung und unsere humanitäre Verpflichtung, die ukrainischen Holocaust­überlebenden in Sicherheit zu bringen und gut bei uns aufzunehmen.“

Das Jewish Joint Distribution Committee (JDC), das seit 30 Jahren in 18 regionalen Sozialzentren in der Ukraine jüdische NS‑Opfer betreut, arbeitet derzeit für rund 10.000 Frauen und Männer. 6500 von ihnen erhalten fortlaufend häusliche Pflege, fast 600 sind schwerst pflegebedürftig. Mehr als die Hälfte der Betroffenen ist 80 bis 84 Jahre alt, 37 Prozent sind zwischen 85 und 95.

Das Netzwerk in der Ukraine ist durch den Krieg schwer belastet. Die Pflegebedürftigen kommen bei Bombenalarm nicht schnell genug in die Schutzräume. Einige sitzen oder liegen bei geborstenen Scheiben und zerstörten Heizungen tagelang allein in eiskalten Wohnungen. Auch die Pflegekräfte haben neben ihrer Arbeit noch die Sorge um die eigenen Familien, vielerorts gelangen sie wegen der Zerstörungen oder Blockaden gar nicht mehr zu ihren Patienten und Patientinnen.

Die Zeit drängt

„Sie müssen da raus, so schnell wie möglich“, sagt Rüdiger Mahlo. Der 48-Jährige ist Repräsentant der Jewish Claims Conference (JCC) in Deutschland. Die Rettung der Überlebenden habe als Hauruckaktion begonnen, in die 15 jüdische Organisationen involviert seien, berichtet er.

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Rüdiger Mahlo, Deutschland-Repräsentant der Jewish Claims Conference (JCC), und JCC-Projektmanagerin Elvira Glück in einem Berliner Lager für Hilfsgüter.

Rüdiger Mahlo, Deutschland-Repräsentant der Jewish Claims Conference (JCC), und JCC-Projektmanagerin Elvira Glück in einem Berliner Lager für Hilfsgüter.

Als Fluchtmanager kommt Mahlo inzwischen kaum noch zum Schlafen: Ambulanzen in der Ukraine, Polen und in Deutschland seien zu organisieren, viele Überlebende seien kaum transportfähig oder hätten keine Pässe. Andere fragen, was aus ihren Haustieren werden soll, wer die Grenzer informiert – und dann macht eine Militär­operation alle Planungen zunichte. „Egal“, sagt Mahlo, „dann fangen wir eben wieder von vorn an. Wichtig ist allein, dass den Menschen geholfen wird.“

Bislang konnte das JDC die Betreuung und Pflege der Überlebenden aufrechterhalten, selbst im nahezu zerstörten Mariupol. Doch die Lage wird täglich dramatischer, wissen Retter wie Mahlo. Das zuvor funktionierende Gefüge ist immer stärker beeinträchtigt. Die Zeit drängt. Doch die Flucht ausgerechnet nach Deutschland, ins Land ihrer Verfolger?

Die meisten wollen bleiben

Christoph Heubner, Exekutiv­vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, sagt: „Ja, es wirkt wie bittere Ironie der Geschichte, dass Deutschland nun zum sicheren Hafen für die Überlebenden wird.“ Allerdings spürten sie schon lange die Aufmerksamkeit für ihre Schicksale und die Hochachtung vieler Deutscher. „Das empfinden viele als Geschenk.“

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Dennoch: Israelische Rettungsorganisationen, die mit großem Personal­aufwand die rund 600 Schwerstpflegebedürftigen unter den Holocaust­überlebenden täglich in der Ukraine anrufen, geben an, dass nahezu 70 Prozent der Hochbetagten trotz des Krieges in der Ukraine bleiben wollen.

Christoph Heubner vom Auschwitz-Komitee hat dafür eine einfache Erklärung: „Für die meisten Überlebenden war es nach dem Holocaust wichtig, eine Familie aufzubauen. Sie sehen die Familie nun, an ihrem Lebensende, in Gefahr. Darum wollen sie, dass zuerst Enkel und Urenkel in Sicherheit gebracht werden – damit die Familie überlebt.“

In Auschwitz gestrandet

Die Flucht mit der Familie ließ manche Überlebende sogar auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz in Polen stranden, weil die dort ansässige Internationale Jugend­begegnungsstätte Flüchtlinge aufnahm. „Hier begegnen sich Geschichte und Gegenwart“, so Heubner.

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Die Menschen, die in Auschwitz zwischen 1941 und 1945 gequält und ermordet wurden, seien zwar aus anderen Gründen verfolgt worden als die Ukrainer heute, aber auch sie hätten ein sicheres Leben in Wohnungen oder Häusern mit nichts als einer Tasche in der Hand verlassen müssen.

Wie muss auf solche Menschen Putins Erzählung von der „Entnazifizierung der Ukraine“ wirken? Anastasia Gulej, die häufig als Zeitzeugin in Deutschland zu Gast gewesen war, spürt Wut, sagt sie: „Ich verfluche Putin, der solches Leid über uns gebracht hat.“

Fluchtpunkt Israel

Mithilfe der Claims Conference konnten bislang 66 Überlebende aus der Ukraine nach Deutschland evakuiert werden, sagt Rüdiger Mahlo. Sie werden von der Zentral­wohlfahrts­stelle der Juden in Deutschland betreut. Ganz selten sei es, dass jemand angibt, nie einen Fuß auf deutschen Boden setzen zu wollen. Für solche Fälle gibt es den Fluchtpunkt Israel.

Manche geben auch andere Gründe zum Bleiben an. Mahlo berichtet von einem Mitte Achtzigjährigen aus Charkiw, der unmittelbar mit Beginn der russischen Invasion eine Waffe beantragt und sie bald darauf auch erhalten habe. „Er sagte uns: Ich kann nicht gehen, ich kämpfe jetzt.“

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Solche Geschichten lassen selbst die Stimme des eloquenten Mahlo stocken. Er räumt ein, dass ihn auch die schnelle und großzügige Unterstützung in Ministerien oder bei Unternehmen zunächst sprachlos gemacht habe. „Viele wollen weniger reden, sondern einfach nur machen.“ Die meisten Helfer würde er nur aus neu entstandenen Whatsapp-Gruppen kennen und dort mit ihnen Vereinbarungen treffen. „Dieses gegenseitige Vertrauen ist großartig“, betont der Repräsentant der Claims Conference.

Was Menschen für Menschen in Not tun

Als Beispiel nennt Mahlo den polnischen Krankenwagen­anbieter, der für die JCC 40 Evakuierungen von der ukrainischen Grenze bis nach Deutschland durchgeführt habe. „Der Mann arbeitet wie ein Berserker, hat aber für seine Bezahlung nur eine SMS von mir und mein Wort.“ Es werde in diesen Zeiten zwar zu Recht darüber geredet, was Menschen anderen Menschen antun, sinniert Mahlo, „wir sollten jedoch nicht vergessen, was Menschen für andere Menschen in der Not tun“.

Anastasia Gulej hatte sich lange gegen eine Flucht gewehrt. Dann verließ sie rund 77 Jahre nach ihrer Rückkehr aus der Hölle von Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen schweren Herzens Kiew doch. Der Auslöser: Als sie mit ihrer Tochter Walentyna (70) nach einer Nacht im Schutzkeller auf die Straße getreten war, flog eine Rakete über ihre Köpfe, wie sie in ihrer noch unveröffentlichten Biografie (Maik Reichel: „Poltawa, Auschwitz, Bergen-Belsen, Kyjiw – Die Lebensgeschichte der Anastasia Gulej“) schreibt.

Anastasia Gulej und Maik Reichel in Bad Kösen.

Anastasia Gulej und Maik Reichel in Bad Kösen.

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Als sie im westukrainischen Lwiw gelandet war, schrieb ihr Freund Maik Reichel: „Es ist Zeit, nach Deutschland zu kommen. Ich erwarte dich am Grenzübergang Budomierz.“ Dort nahm er die alte Dame, Walentyna und ihren Bruder Wassyl (68) sowie Katze Buschinka in die Arme.

„Mein Herz ist in der Ukraine geblieben“

Seit dem 10. März lebt Anastasia Gulej in einer Ferienwohnung in Bad Kösen (Sachsen-Anhalt). Die Kosten hat der Landrat des Burgenland­kreises mittels Spenden übernommen. Wenn sie sich von den Strapazen der Flucht erholt hat, soll eine Kur folgen.

Anastasia schreibt: „Wenn mein Herz und meine Seele nicht schmerzen würden, wäre ich überglücklich, wieder in Deutschland zu sein. Ich hätte nicht daran geglaubt, jemals wieder nach Deutschland zu kommen, mein Alter, meine Gesundheit, vor allem meine Beine haben es nicht möglich gemacht, aber dieser schreckliche Krieg, der hat es geschafft. Aber mein Herz ist in der Ukraine geblieben.“

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