Wie das Jahr 1979 die Welt veränderte
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Islamismus, Neoliberalismus, Flüchtlinge oder die Energiewende – viele Entwicklungen, die uns heute beschäftigen, nahmen im Jahr 1979 ihren Anfang, etwa mit der Wahl Margaret Thatchers zur britischen Ministerpräsidentin.
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Potsdam. Das Jahr 1979 begann mit einem dramatischen Wintereinbruch. Besonders im Norden fiel der Schnee meterhoch. Die Bundeswehr musste Menschen aus Autos und Häusern befreien und in Mecklenburg half die NVA in eingeschneiten Dörfern ohne Strom. Kurz darauf folgten Paukenschläge, die die Welt grundlegend veränderten und viele Herausforderungen unserer Gegenwart ankündigten.
So kletterten passend zum Kälteeinbruch die Öl- und Benzinpreise rasant in die Höhe. Die erneute Ölkrise machte allen deutlich, dass die Zeiten billiger Energie vorbei waren. Bei der ersten Ölkrise 1973 galt die Atomkraft noch als unproblematischer Ersatz. Im April 1979 kam es jedoch zu einer partiellen Kernschmelze in einem AKW nahe Harrisburg in den USA. 140 000 Anwohner flohen vor der befürchteten Explosion, und die Welt fieberte vor den Bildschirmen mit.
Die Atomkraft verlor nun ihren Glanz. Stattdessen kam der Ruf nach einer Energiewende und Energiesparen auf. Das neue Umweltbewusstsein manifestierte sich mit der zeitgleichen Gründung der Grünen. Die DDR setzte dagegen notgedrungen auf mehr Braunkohle – mit katastrophalen ökologischen Folgen, die später auch hier Umweltschützer mobilisierten.
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Aufgrund von Benzinmangel geschlossene Esso-Tankstelle in Karlsruhe im Jahr 1979.
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Die Ölpreise stiegen Anfang 1979 so rasant, weil durch die iranische Revolution Ölexporte ausfielen. Auch diese Revolution steht für den Beginn gegenwärtiger Herausforderungen. Denn im Iran formierte sich unter Khomeinis Führung der fundamentalistische Islam. Erstmals entstand ein islamischer Gottesstaat. Auch der sowjetische Einmarsch in Afghanistan schürte eine mit dem Islam verbundene Militanz.
Vom Iran und Afghanistan 1979 führt zwar kein gerader Weg zu 9/11, wohl aber entflammte hier eine muslimische Radikalisierung. Auch im Westen kamen nun verstärkt islamfeindliche Stereotype auf. Galten Türken in der Bundesrepublik bislang als ungebildete Gastarbeiter, wurde nun ihr Glaube problematisiert.
Veränderung im Umgang mit Fremden
Das Jahr 1979 veränderte auch darüber hinaus den Umgang mit Fremden. Mit den Boat People aus Vietnam erreichte erstmals eine größere Gruppe außereuropäischer Flüchtlinge die Bundesrepublik. Nach dem Ende des dortigen Krieges waren rund 1,5 Millionen Menschen in die Nachbarländer am Südchinesischen Meer geflohen, oft in einfachen Fischerbooten.
Vor allem christdemokratische Politiker wie Ernst Albrecht, damals Niedersachsens Ministerpräsident, setzten sich für deren unbürokratische Aufnahme ein. In kurzer Zeit kamen immerhin rund 35 000 Boat People in die Bundesrepublik. Viele Deutsche spendeten, und das so finanzierte Schiff „Cap Anamur“ rettete allein rund 10 000 Menschen aus dem Wasser. Die
DDR reagierte indirekt darauf. Sie holte temporär Vertragsarbeiter aus Vietnam nach Deutschland. Zugleich kam eine rechtsextreme Gewalt gegen Ausländer auf. So starben 1980 zwei Vietnamesen bei einem Brandanschlag in Hamburg.
„Geschichtsboom“ und der Holocaust im Fernsehen
Die Hilfe für die Boat People geschah oft mit Verweis auf den Holocaust. Ein Jahr zuvor war der Begriff in Deutschland noch unbekannt. Anfang 1979 sahen jedoch rund 20 Millionen Bundesbürger die gleichnamige US-Miniserie, die die Geschichte der jüdischen Familie Weiss zeigte. Sie machte vielen erst den massenhaften Mord an den Juden klar.
Die Serie erschütterte viele und führte zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – in den Medien, den Schulen und der Forschung. Generell ging dies mit einem „Geschichtsboom“ einher.
Gerade weil die Zukunft so düster erschien und die Gegenwart so überwältigend, wuchs das Interesse an Geschichte. Ausstellungen zum Mittelalter oder Preußen fanden rasanten Zulauf. Auch die Altstädte, bisher oft abgerissen, wurden nun in West und Ost vermehrt rekonstruiert.
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China öffnete sich Anfang 1979 unter Deng Xiaoping für globale Märkte – der Beginn des Aufstiegs zur Wirtschaftsmacht.
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Die Serie „Holocaust“ wurde vor der Ausstrahlung oft als kommerzielles Produkt verspottet. Tatsächlich stand sie am Beginn eines globalen Handels mit US-Serien. Globale Märkte gewannen darüber hinaus an Bedeutung. Besonders die Wahl der britischen Ministerpräsidentin Margaret Thatcher im Mai 1979 bildete einen Auftakt für neoliberale Konzepte, die nun ihre Umsetzung fanden.
Ihre Politik entwickelte sich rasch zum weltweiten Vor- und Schreckbild. Selbst China öffnete sich Anfang 1979 für globale Märkte und reformierte unter Deng Xiaoping grundlegend seine Wirtschaft. Dies war der Beginn von Chinas Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht, ein Prozess, der bis heute die Welt prägt.
Die Welt wurde multipolarer
Der Eiserne Vorhang fiel erst 1989. Aber bereits zehn Jahre zuvor nahmen die Proteste zu, vor allem unter dem Dach der Kirchen. So bejubelten im Juni 1979 rund zehn Millionen Menschen den frisch gewählten Papst Johannes Paul II. in Polen. Auch in der DDR traten evangelische Gruppen gegen den Wehrunterricht an den Schulen an.
In Ost und West entstand eine breite Friedensbewegung gegen die atomare Nachrüstung. Selbst in Nicaragua, wo 1979 eine Revolution das USA-gestützte Regime vertrieb, entstand kein sozialistischer Satellit. Vielmehr brach die Logik des Kalten Kriegs auf, und die Welt wurde multipolarer.
Wer heute vor 40 Jahren eingeschneit war, konnte noch nicht ahnen, dass Islamismus, Neoliberalismus, Flüchtlinge oder die Energiewende uns so nachhaltig beschäftigen. Aus heutiger Sicht markiert die Zeit um 1979 jedoch eine Zeitenwende. Entsprechend lohnt es, sich mit den Ereignissen von damals genauer zu beschäftigen.
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Frank Bösch
© Quelle: privat
Zur Person: Frank Bösch ist Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung. Am Freitag ist sein Buch „Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann“ (C. H. Beck, 512 S., 28 Euro) erschienen.
Von Frank Bösch