Erster Schnee in Kiew

Putins eiskaltes Kalkül: Mithilfe von Väterchen Frost zum Sieg?

Ein Kind betrachtet eine Ausstellung von zerstörten russischen Panzern und gepanzerten Fahrzeugen nach Schneefall in Kiew.

Ein Kind betrachtet eine Ausstellung von zerstörten russischen Panzern und gepanzerten Fahrzeugen nach Schneefall in Kiew.

In Kiew fiel am Donnerstag der erste Schnee. Ein Satz, der es vor Jahren – gemessen an seiner Bedeutung – mit der bekannten Metapher vom umgefallenen Sack Reis in China hätte aufnehmen können. Doch nicht so im November 2022: Der Wintereinbruch in der Ukraine mit Tages­temperaturen in Kiew unter der Null-Grad-Grenze versetzte die Vereinten Nationen in Sorge, löste bei Hilfs­organisationen wie Care Deutschland Alarm aus, beunruhigte die ukrainische Führung und ihre westlichen Verbündeten – und dürfte in Moskau für Hochstimmung sorgen.

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Nach einer ganzen Reihe militärischer Misserfolge wie der demütigenden Räumung Chersons, immerhin die einzige Verwaltungs­haupt­stadt, die Russland in diesem Angriffskrieg erobern konnte, und nach immer unglaublicheren Zahlen über russische Verluste ruhen die letzten Hoffnungen des Kreml, das wird immer deutlicher, auf einem perfiden Plan: Mit einer zügellosen Raketen­kampagne soll die Strom-, Gas- und Wasser­versorgung dieses Landes zerstört werden.

Mehr als 90 Raketen und Marschflugkörper

Am Dienstag hatte Russland mit mehr als 90 Raketen und Marsch­flugkörpern ukrainische Infrastruktur beschossen. Es war der größte derartige Angriff in fast neun Monaten Krieg. Mehr als sieben Millionen Haushalte in der Ukraine waren in der Folge ohne Strom.

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Rund 17,7 Millionen Menschen in der Ukraine sind derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen. Über sechs Millionen Menschen befinden sich innerhalb des Landes auf der Flucht. Putins Plan ist simpel: Je größer der wirtschaftliche Schaden für die Ukraine werde, desto größer werde der Migrationsdruck auf den Westen.

Die Stadtverwaltung von Kiew spielt schon Pläne für eine Evakuierung durch, sollte sie nicht mehr in der Lage sein, die drei Millionen Einwohner zu versorgen. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt dürfte es der leidgeprüften ukrainischen Zivilbevölkerung umso schwerer fallen, ihre im Westen so bewunderte Resilienz aufrecht­zu­erhalten. Dann, so hofft der Kreml, könnte die Stunde Russlands schlagen.

Die Russen spekulieren darauf, dass das Leid im Winter so unerträglich wird, dass es zu einem Umbruch oder zumindest zu Verhandlungen kommt.

Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie

„Die Russen spekulieren darauf, dass das Leid im Winter so unerträglich wird, dass es zu einem Umbruch oder zumindest zu Verhandlungen kommt“, sagt Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt dem österreichischen „Standard“.

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Die Charta der Vereinten Nationen definiert das als Kriegs­verbrechen. „Die Strategie, die Russland mit dieser jüngsten Kriegstaktik verfolgt, ist unverkennbar. Durch den Beschuss wichtiger ziviler Infrastruktur, unter anderem Energieanlagen, versucht die russische Armee eindeutig, die Industrie­produktion zu untergraben, das Transport­system zu stören, Angst und Verzweiflung zu schüren und der ukrainischen Zivil­bevölkerung vor dem nahenden Winter Strom, Wasser und Heiz­möglichkeiten vorzuenthalten“, sagt Marie Struthers, Direktorin bei Amnesty International für für Osteuropa und Zentralasien,

Immer wieder Stromausfälle

In der ukrainischen Hauptstadt gab es zuletzt immer wieder Stromausfälle. Der örtliche Gouverneur warnte in dieser Woche, die Situation könne bei Temperaturen von bis zu minus zehn Grad Celsius „schwierig“ werden.

Während an der Südfront in Nähe des Schwarzen Meeres eher milde Winter zu erwarten sind, hat die Donbass-Region ein im Winter frostigeres Kontinentalklima. In den Dörfern rund um die Großstadt Charkiw im Osten der Ukraine bereiten sich die Menschen daher auf einen sehr kalten Winter vor. Viele Ortschaften sind dort bereits seit Wochen ohne Strom und Wasser und haben kein Gas mehr für die Heizung.

„Es ist so kalt“, klagte der kleine Artem aus Kivsharivka gegenüber einem Reporter der Nachrichten­agentur AP. Nachts schlafe er angezogen mit seinen Klamotten. „Unsere Fenster sind kaputt“, sagt Großmutter Iryna Panchenko. „Deshalb kommen wir nur zum Essen hierher. Nachts schlafen wir bei den Nachbarn. Deren Fenster sind noch heil, dort ist es etwas wärmer.“

Ich habe zwei Beine und zwei Arme. Ich kann raus gehen und Holz finden, damit wir es warm haben.

Viktor Polyanytsa

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Ein anderer Nachbar, Viktor Polyanytsa, hackt hinter dem Schuppen Holz für den Ofen in der Küche. Er habe keine Angst vor der Kälte, sagt er. „Ich habe zwei Beine und zwei Arme. Ich kann raus gehen und Holz finden, damit wir es warm haben.“

Hohes Sterberisiko befürchtet

Die Vereinten Nationen befürchten eine humanitäre Katastrophe. Ohne Strom und Heizung würden viele Menschen wahrscheinlich erfrieren, sagte die Koordinatorin des UN‑Programms für humanitäre Hilfe für die Ukraine, Denise Brown, am Dienstag in New York. „Wir sprechen hier von einer völligen Zerstörung, dem Verlust von Menschen­leben und dem Verlust der Lebens­grundlage als direkte Folge des Krieges. Ich bin überzeugt davon, dass viele Familien, die buchstäblich nichts mehr haben, einem hohen Sterberisiko ausgesetzt sind.“

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Bislang lag der Kreml mit seinem Kalkül stets daneben: „Rasputiza“ (Russisch für „Wegelosigkeit“), wie die herbstliche Schlamm­periode in Russland und der Ukraine genannt wird, sollte eigentlich jede militärische Operation stoppen. Doch die Eroberung von Cherson – binnen weniger Wochen befreite die Ukraine 4500 Quadratkilometer – konnte durch die „Rasputiza“ nicht gestoppt werden. Weil es kaum geregnet hat. Weil der Klimawandel auch in Osteuropa für mildere Winter und mehr Trockenheit sorgt.

Narrationen von Winterfrost und Eiseskälte

Doch Putin und die ihn umgebenen Einflüsterer sind rückwärts­gewandt, denken in historischen Kategorien. Und da spielen jene Narrationen von Winterfrost und Eiseskälte als verlässliche Bundesgenossen Russlands eine große Rolle. Jene Mythen von Napoleons „Grande Armée“, die 1812 bis Moskau marschierte und der die unterlegene Armee von Zar Alexander I. stets auswich, sodass die Eindringlinge von Hunger, Frost und den russischen Nadel­stich­attacken auf ein Sechstel der ursprünglichen Stärke dezimiert sich letztendlich geschlagen aus Russland zurückziehen mussten.

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Gefangennahme bei Beketowka südlich von Stalingrad am 31

Mythos Stalingrad: Gefangennahme von Wehrmachtsoffizieren bei Beketowka südlich von Stalingrad am 31. Januar 1943.

Geschichte schien sich zu wiederholen, als sich die deutsche Wehrmacht im Winter 1941 vor Moskau zu Tode siegte und ein Jahr später bei Schnee und Frost im Kessel von Stalingrad ihre schwerste Niederlage erlitt – es war der Anfang vom Ende. „Gefrierfleisch-Orden“ nannten die deutschen Landser mit sarkastischem Humor die Medaille „Winterschlacht im Osten“. Sie wurde ihnen „für die Bewährung im Kampf gegen den bolschewistischen Feind und den russischen Winter“ verliehen.

Unbestritten bleibt das Wetter auch im jetzigen Krieg eine Bedrohung – allerdings für beide Seiten. „Die Russen erwarten, dass die Wintersaison ihnen helfen wird, zumindest im Energiekrieg. Aber den ukrainischen Soldaten wird es viel besser gehen“, zitiert die „Financial Times“ Oleksiy Melnyk, einen ehemaligen ukrainischen Luftwaffen­offizier und heutigen Co‑Direktor der ukrainischen Denkfabrik Razumkov.

Kanada stellt halbe Million Winter­uniformen bereit

Die Nato hat ukrainische Truppen mit Winter­ausrüstung ausgestattet. Unter anderem wurden warme Kleidung, Winterstiefel und Zelte geliefert, wie Diplomaten bestätigten. Allein dafür standen rund 40 Millionen Euro zur Verfügung. So stellt Kanada eine halbe Million Winter­uniformen bereit. Und auch aus Finnland und Estland kommt entsprechendes Equipment. Zudem können die ukrainischen Streitkräfte in den kalten Monaten mit der Unterstützung aus der eigenen Bevölkerung rechnen.

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Für die russische Armee und ihre neuen Rekruten, die bereits unter Moral­problemen und schlechter Ausrüstung leiden, wird der Winter im Donbass besonders hart.

Mick Ryan vom Center for Strategic and International Studies (CSIS)

Dem US‑Verteidigungs­ministerium zufolge soll Russland zudem nicht in der Lage sein, seine logistischen Operationen vor dem Winter angemessen auszubauen. „Für die russische Armee und ihre neuen Rekruten, die bereits unter Moralproblemen und schlechter Ausrüstung leiden, wird der Winter im Donbass besonders hart“, glaubt der australische Ex‑General und Militärexperte Mick Ryan vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington via Twitter.

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Die mobilgemachten Soldaten müssen ausgebildet werden, es gilt, nachgeführte Waffen und Fahrzeuge aus Depots einsatzfähig zu machen. Auch deshalb setzt Moskau eher auf die Demoralisierung der ukrainischen Bevölkerung als auf die Kampfkraft der eigenen Verbände.

Ein militärisches Manko auf ukrainischer Seite bleibt aber das Fehlen geeigneter Fahrzeuge: Zwar seien viele Rad­fahr­zeuge aus dem Westen geliefert worden, gepanzerte Ketten­kampf-Fahrzeuge gebe es jedoch zu wenige, um die Offensive im bisherigen Tempo voranzutreiben, analysierte Mick Ryan vom CSIS in Washington.

RND mit Material von dpa und AP

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