Twitch-Stars und die Vorbildfunktion

Warum sich drei Influencer auf der Gamescom geprügelt haben

Der deutsche Webvideoproduzent Kilian Roberto Heinrich alias Tanzverbot (rechts) macht ein Selfie mit einem Fan auf der Gamescom.

Der deutsche Webvideoproduzent Kilian Roberto Heinrich alias Tanzverbot (rechts) macht ein Selfie mit einem Fan auf der Gamescom.

Köln. Was wird derzeit häufiger im Internet diskutiert als der „Winnetou“-Skandal und der Partytanz der finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin? Korrekt: Drei sich prügelnde Influencer auf der Gamescom.

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Auf Twitter trenden seit Freitag Worte wie „Tanzi“ oder „Orangemorange“, zur Videospielmesse Gamescom werden mehrere hundert Tweets pro Stunde verfasst, auf Youtube erscheinen dutzende Videos zum Konflikt. Und wer sich in seinem ganzen Leben noch nie mit Gaming, der Twitch-Community oder einem der beteiligten Akteure auseinandergesetzt hat, dem dürften nun viele Fragezeichen im Gesicht stehen.

Auf den ersten Blick erscheint die Kabbelei dreier Erwachsener mit Fantasienamen reichlich infantil – und vor allem einer Ursache geschuldet: Zu viel Testosteron auf viel zu engem Raum. Auf den zweiten Blick allerdings steckt hinter dem Eklat ein Konflikt, der schon seit längerem in der Gamingszene brodelt. Es geht um fragwürdige Livestreamer, die noch fragwürdigere Glücksspiele promoten – und um eine Influencerszene, die sich um ihre Vorbildfunktion sorgt. Ein Konflikt, der sich nun auf der Gamescom zu entladen scheint.

Sie verstehen immer noch Bahnhof? Gut, fangen wir ganz von vorne an.

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Wer ist eigentlich Tanzverbot?

Klären wir zunächst einmal, wer eigentlich die drei Raufkumpanen sind, die am Freitagnachmittag in den Ring gestiegen sind – irgendwo auf dem Gamescom-Areal in Köln, zwischen Absperrzäunen, Zelten und Holzpaletten.

Da wäre zunächst einmal ein Mann, der Kilian Heinrich heißt – im Netz besser bekannt als Tanzverbot. Heinrich erhält Mitte der 2010er-Jahre erstmals größere Aufmerksamkeit, weil er sich in seinen Youtube-Videos permanent künstlich über Kleinigkeiten aufregt. In mehreren Clips diskreditiert Heinrich bekannte Youtuber. Später folgen auch „Ansagen“ an eine anonyme Lidl-Mitarbeiterin („Die alte Fettkuh“) oder eine Bäckereifachfrau, über die sich Tanzverbot echauffiert. Das bringt dem Youtuber so viel Bekanntheit ein, dass seine Followerzahl über die Jahre auf 1,1 Millionen steigt.

Liebend gern zeigt Tanzverbot in seinen Videos auch seine Lebensmitteleinkäufe. Häufig sitzt der leicht übergewichtige 25-Jährige im Bademantel vor der Kamera und bewertet Eistee, Influencerprodukte und Bestellungen von Lieferdiensten. Nur selten fallen die Bewertungen positiv aus.

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Pöbelstreamer mit Moralkompass

All das wirkt wie eine Persiflage auf die durchchoreographierten Influencervideos, die sonst in all ihrer Perfektion die Social-Media-Plattformen fluten. Tanzverbot-Videos sehen immer etwas mittelmäßig aus, sie sind eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten, unterlegt von Windgeräuschen mit unscharfem Bild. Häufig berichtet der Youtuber von seinem einsamen Leben und seinem Scheitern.

Hunderttausende Menschen lieben „Tanzi“ dafür. Andere wiederum können die Doppelbödigkeit nicht richtig einordnen, was Heinrich zeitweise zum kontroversesten Youtuber nach Drachenlord macht – aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile veröffentlicht Tanzverbot nur noch selten Youtube-Videos – stattdessen tobt sich der 25-Jährige auf der Streamingplattform Twitch aus. Aber auch hier nimmt der rustikale Anti-Influencer kein Blatt vor den Mund, gibt seinen Fans gerne seine eigenen Moralvorstellungen mit auf den Weg. Dies allerdings bringt ihm zuletzt einen handfesten Zoff mit den nun folgenden Akteuren ein.

Wer ist eigentlich Scurrows?

Vorhang auf für Scurrows. Ein Mann, der auf Instagram in der Kategorie „Künstler/in“ eingeordnet wird – tatsächlich wurde Scurrows insbesondere durch eines bekannt: Er sitzt vor dem PC und brüllt mit brüchiger Stimme in Mikrofone.

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Auf der Plattform Twitch wird der Gamer, der im echten Leben Theo Bottländer heißt, zunächst mit Livestreams zum Erfolgsspiel GTA bekannt, ehe ihn die Amazon-Tochter 2018 verbannt. Der offizielle Grund: „Hasserfülltes Verhalten“. Bottländer setzt sich dagegen in mehreren Gerichtsverfahren zur Wehr – 1242 Tage später darf der Gaminginfluencer wieder auf Twitch streamen.

Bei Bottländer ist alles ein bisschen weniger ironisch als bei dessen Erzfeind Tanzverbot. Er macht mit Twitch gute Geschäfte – mittlerweile allerdings weniger mit GTA-Inhalten, sondern mit einem weitaus fragwürdigeren Themenfeld: Glücksspielen. Bottländer spielt die Spiele von Onlinecasinos, also etwa virtuelle Slot-Machines („einarmiger Bandit“) oder Roulette. Dabei setzt er teils hohe Summen bis zu 20.000 Euro ein – und beobachtet dann mit viel Gebrüll, welche Symbole auf dem Bildschirm wohl erscheinen mögen. Sein Publikum, immerhin 187.000 Follower auf Twitch, schaut begeistert zu.

Orangemorange: Muss man den kennen?

Gleiches gilt für den dritten Akteur im Gamescom-Drama: Orangemorange. Dieser heißt eigentlich Kevin Bonger️s️️ und ist mit Bottländer gut befreundet. Gemeinsam wohnt man auf der Youtuber-Insel Madeira in Portugal, und auch das gleiche Hobby teilt man sich: Twitch-Streams mit mindestens fragwürdigen Inhalten.

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Bonger️s️️ ist damit sogar noch erfolgreicher als sein Kumpel: 546.000 Followerinnen und Follower hat der 29-Jährige auf Twitch. Ein gutes Geschäft: Auf Instagram posiert der Influencer mit teuren Markenklamotten, Rückentattos und zeigt Bizepsfotos.

Bonger️s️️ wird zunächst bekannt, weil er sich in einem Livestream öffentlich mit seiner Freundin Maria zofft, was ihm zahlreiche neue Zuschauerinnen und Zuschauer einbringt. Auf Twitch streamt der Influencer vor allem die Spiele Fortnite und GTA 5, ehe auch er im Sommer 2022 auf den umstrittenen Glücksspielhype aufspringt. In Onlinecasinos spielt Bonger️s️️ Spiele mit teils mehreren Tausend Euro Einsatz, bei einem Spiel im August gewinnt der Influencer schließlich 100.000 Euro vor laufenden Kameras. Dafür dankt er lautstark Gott.

Warum die Gamingszene über Glücksspiele streitet

Und damit wären wir auch schon bei der Konfliktlinie, die zumindest in Teilen zum Gamescom-Disput geführt haben könnte. Das fragwürdige Casinotreiben der Influencer Bongers und Bottländer sorgt innerhalb der Twitch- und Youtube-Szene nämlich schon seit Wochen für immer größeren Unmut.

Casinostreamer gelten in der Szene als verpönt. Wer etwas auf sich hält, wer es mit sich und seiner Community ernst meint, der nimmt solche Deals nicht an – fertig, aus. Wer es tut, wird von anderen schnell abgestraft und nicht mehr unterstützt. Der Vorwurf: Die umstrittenen Influencer verleiten ihre größtenteils jungen Zuschauerinnen und Zuschauer zum Glücksspiel – dieses hat bekanntermaßen enormes Suchtpotenzial und treibt Spielende verlässlich in die Schuldenfalle.

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Auch Bongers und Bottländer wird nun vorgeworfen, für viel Geld die eigene Seele verkauft zu haben. Beide hatten zuvor immer wieder in ihren Streams betont, Casinostreams kämen für sie nicht in Frage. Zum Umdenken bringt sie schließlich offenbar ein Werbedeal mit einem Onlinecasino. In ihren Streams deuten beide an, dass sie mit diesen Deals riesige Einnahmen erzielen, immer wieder werden Zahlen im Millionenbereich als Vergleichswert genannt. Ein Angebot, dass man nicht mehr habe ablehnen können.

Casinodeals bringen Tanzverbot zur Weißglut

Die Twitch- und Youtube-Community bringt das auf die Palme. Unter anderem Streaminggott Unge (3,7 Millionen Youtube-Follower) kritisiert die Casinoaktivitäten seiner Kollegen. Im Mai macht der Streamer öffentlich, er habe selbst einmal ein Angebot über 5 Millionen Euro für die Bewerbung fragwürdiger Glücksspiele erhalten – und selbstverständlich abgelehnt.

Der Streamer xRohat (600.000 Follower) bezeichnet Bongers Freudentaumel nach dessen Casinogewinn als „geisteskrank“, für den Youtuber AlphaKevin ist Bonger️s️️ einfach nur „der größte Heuchler des Internets“.

Und auch Tanzverbot kritisiert die Casinostreamer. In einem Video rastet „Tanzi“ regelrecht aus. Es sei „moralisch absolut verwerflich“, poltert er, „menschlich absoluter Müll“ – während er wutentbrannt durch sein Streamingzimmer läuft und vor Wut gegen einen undefinierbaren Gegenstand boxt. So kennt man ihn.

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Twitch-Streamer würden ohnehin schon massig Geld verdienen, kritisiert der 25-Jährige – dass Kollegen nun solch fragwürdige Deals annähmen, mache ihn „einfach traurig“. Abgesehen davon schade dies auch dem Ruf der restlichen Twitch-Community. Bongers und Bottländer, so vermutet Tanzverbot, würde das aber vermutlich gar nicht interessieren. Die würden nun „ihre Millionen machen“ und ihr „High-Life“ leben – was die Community davon halte, sei den Streamern, angesichts der enormen Werbesummen, völlig egal.

Lockerung des Glücksspielgesetztes

Es ist nicht das erste Mal, dass Glücksspiele Thema in der Szene sind. Heute erfolgreiche Streamer wie Knossi (2 Millionen Twitch-Follower) und MontanaBlack (4,6 Millionen) waren mit derartigen Inhalten überhaupt erst erfolgreich geworden. Dem Treiben machte schließlich allerdings das deutsche Gesetz einen Strich durch die Rechnung: Werbung für Glücksspiele war seinerzeit hierzulande seinerzeit schlichtweg illegal.

Im Falle von MontanaBlack fand 2019 sogar eine Hausdurchsuchung statt, unter anderem wegen „des Verdachts des unerlaubten Glückspiels“, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ seinerzeit berichtete. Das Verfahren wird später gegen eine Zahlung eingestellt. Beide Influencer haben ihr fragwürdiges Hobby inzwischen aufgegeben, widmen sich in ihren Streams nun eher harmlosen Themen.

Im Sommer 2021 allerdings wird das Glücksspielverbot in einigen Punkten gelockert. Der neue Glücksspielstaatsvertrag verbietet Werbung für Glücksspielangebote nun nicht mehr per se. Onlinecasinos, die eine Lizenz in Deutschland erwerben, werden davon ausgenommen. Der Weg für neue Casinostreams ist damit rein technisch also wieder frei.

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Der Streit eskaliert

Moralisch verpönt bleibt das Thema in der Community aber dennoch. Und die deutsche Gesetzeslange dürfte Twitch-Streamer wie Orangemorange oder Scurrows ohnehin nur wenig interessieren: Beide leben nach eigenen Angaben auf Madeira – in ihren Instagram-Biografien haben sie zudem einen weiteren glücksspielfreundlichen Ort angegeben: den Zwergstaat Malta.

Insbesondere Tanzverbot thematisiert die Problematik immer wieder in seinen Streams, nicht selten wird er dabei hochemotional. In gleich mehreren Videos spricht der 25-Jährige über seine fragwürdigen Kollegen. Nicht immer geht es dabei um Casinostreams, später werden auch andere Kontroversen herangezogen. Auf der Gamescom scheint sich der Streit schließlich vollends zu entladen.

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Man provoziert sich gegenseitig auf Twitter, später trifft man sich zum Schlagabtausch vor Absperrgittern. Tanzverbot beschimpft seine Kontrahenten und ruft, sie hätten ihre „Seele verkauft“. Auf Handyaufnahmen ist zu sehen, wie es zwischen den drei Akteuren zu Wortgefechten und dann zu Handgreiflichkeiten kommt. Drumherum steht allerhand Twitch- und Youtube-Prominenz. Irgendwann fliegt eine Dose Energydrink samt Inhalt durch die Gegend, Menschen schreien wild durcheinander.

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Es bleibt kindisch

Die Twitch- und Youtube-Community diskutiert nun eifrig über die Aufnahmen. Auf Youtube und Tiktok erscheint ein Video nach dem anderen, jeder hat etwas dazu zu sagen. Erwachsene Männer mit Namen wie HerrNewstime oder Mr. Trashpack schildern ihre Sicht der Ereignisse.

Die alles entscheidende Frage in diesen Videos ist aber nicht etwa, wie man minderjährige Gamingfans künftig vor ihren fragwürdigen Twitch-Idolen schützen kann, die offenbar keinerlei Wert auf Vorbildfunktion legen. Eine Diskussion, wie man sie von Erwachsenen durchaus erwarten könnte.

Nein, die meist diskutierte Frage an diesem Wochenende ist eine ganz andere: Wer hat die Schlägerei eigentlich angefangen?

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