Antisemitismus und Rassismus

Was ist nur mit Kanye West passiert?

Kanye West hat sich endgültig ins Aus geschossen.

Kanye West hat sich endgültig ins Aus geschossen.

Hannover. Wäre dieser Text vor zehn, fünfzehn Jahren erschienen, dann wäre das Schaffen und Wirken des Rappers Kanye West vermutlich ein bisschen anders beschrieben worden.

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Der heute 45 Jahre alte Musiker galt lange Zeit als einer der bedeutsamsten Rapper unserer Zeit. In den 2000er Jahren räumte West mehr Grammys ab als jede andere Künstlerin und jeder andere Künstler, wurde als Galionsfigur des Hipster-Rap bezeichnet und war gleichzeitig Modeikone – laut „GQ“ sogar einer der „stylischsten Männer Amerikas“.

West war immer ein bisschen verrückt, galt aber als Genie. Er verhalf als Produzent oder Co-Rapper zahlreichen Newcomerinnen und Newcomern zum Erfolg, seine Kollaboration mit der britischen Hip-Hop-Sängerin Estelle („American Boy“) gilt als ebenso legendär wie seine Hits „Gold Digger“, „Stronger“ oder „FourFiveSeconds“ mit Rihanna und Paul McCartney. West machte mit seiner Musik und Mode Millionen, prägte eine ganze Generation von Musikerinnen und Musikern. Sänger Drake bezeichnete West einmal als die „einflussreichste Person, als Musiker, die ich in meinem Leben je hatte.“ Der ehemalige US-Präsident Barack Obama zählt Wests Single „Touch the Sky“ zu seinen Lieblingssongs.

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Blickt man heute auf das Schaffen und Wirken Wests, könnte der Kontrast kaum größer sein.

Hilter-Huldigungen bei Alex Jones

Am vergangenen Donnerstag sitzt Kanye West, der sich heute nur noch Ye nennt, in der Talkshow des vorbestraften Verschwörungsideologen Alex Jones und schwadroniert über Adolf Hitler. Er sehe auch gute Seiten in dem Nazi-Diktator, philosophiert West – gekleidet mit einer schwarzen Maske über dem Kopf. „Jeder Mensch hat etwas Wertvolles, das er getan hat, besonders Hitler“.

Dieser habe nicht nur Autobahnen, sondern auch das Mikrofon erfunden – beides ist bekanntlich Quatsch. „Wir müssen aufhören, die Nazis ständig runterzumachen“, meint der Rapper. Im weiteren Verlauf der Sendung leugnet er den Holocaust und erklärt: „Ich mag Hitler.“

Nach antisemitischen Aussagen: Twitter sperrt Konto von US-Rapper Kanye West

Der US-Rapper hat nach einer Reihe antisemitischer Vorfälle erneut für Empörung gesorgt.

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Auf Twitter postet West kurz darauf ein Bild, das den Davidstern mit einem Hakenkreuz kombiniert. Das ist selbst dem sonst so auf Redefreiheit bedachten Twitter-Boss Elon Musk zu viel: West wird erneut und offenbar endgültig von der Plattform verbannt. Die jüngsten Irrungen und Wirrungen Wests sind auf Instagram zu verfolgen: Hier schwurbelt der Musiker am Sonntag, Musk sei „halber Chinese“ und mutmaßlich geklont. Er verweist dabei auf eine bizarre Verschwörungserzählung, nämlich, dass Ex-Präsident Obama ein Klon eines ägyptischen Pharaos sei.

Der letzte Rückhalt bröckelt

Die Showbranche zeigt sich angesichts der erneuten Ausfälle völlig ratlos: Jimmy Kimmel fragt in seiner Late-Night-Show, warum West überhaupt noch Fans habe. Er habe so etwas „noch nicht gesehen. Wir haben einen schwarzen ‚white Supremacist‘, der herumläuft.“ Zahlreiche Promiente verurteilen Wests Aussagen auf Twitter, darunter die Publizistin Meghan McCain, Aktivist Edward Snowden und der Politiker Bernie Sanders. Sogar US-Präsident Joe Biden äußert sich indirekt.

Die jüngsten Eskapaden Kanye Wests sind der vorläufige Tiefpunkt eines langen Absturzes. Die rote Linie ist längst überschritten und inzwischen nicht mal mehr in Sichtweite. Vom einstigen Legendenstatus des Rappers ist kaum noch etwas übrig. Barack Obama, der West einst noch für seine Musik gefeiert hatte, bezeichnete West schon vor vielen Jahren als einen „Esel“ – inzwischen hat West den letzten Respekt in der Musikbranche verloren.

Fans des einst hochgelobten Rappers beschäftigt derweil eine ganz andere Frage: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Und was ist bloß mit Kanye West passiert?

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Mutter stirbt nach Schönheits-OP

Durchstöbert man die zahlreichen Social-Media-Posts und Kanye-Foren, etwa bei Reddit, so finden sich eine ganze Reihe Erklärungsversuche für das außergewöhnliche Abdriften. Seine psychische Erkrankung, die nie richtig behandelt wurde, sei Schuld, mutmaßen einige – andere verweisen auf Traumata, die West erlebt habe und mit denen er nie richtig fertig wurde – etwa der Tod seiner Mutter im Jahre 2007.

West wächst, anders als viele andere bekannte US-Rapper, nicht in ärmlichen Verhältnissen auf, sondern gut behütet und vergleichsweise wohlhabend. Mutter Donda zieht West nach der Trennung von ihrem Mann Ray alleine groß, sie ist Vorsitzende des Anglistikfachbereichs an der Chicago State University – Wests kreatives Talent fördert sie, wo es nur geht. Später wird Donda gar Wests Managerin, begleitet ihn jahrelang überall hin.

Dinner in Florida: Trump und Kanye West im Clinch

Kaum hat Trump seine Kandidatur fürs Weiße Haus erklärt, macht er mit zwielichtigen Dinner-Gästen von sich Reden.

Die glückliche Mutter-Kind-Beziehung endet abrupt im November 2007, da ist Kanye 30 Jahre alt. Donda West unterzieht sich einer Fettabsaugung, einer Bauchdeckenstraffung und einer Brustverkleinerung. Einen Tag später bricht die 58-Jährige in ihrem Haus zusammen und wird später im Krankenhaus für tot erklärt. Ursache: Eine koronare Herzkrankheit infolge der Schönheitsoperation. Ihr Arzt ist, wie sich später herausstellt, vorbestraft – unter anderem wegen alkoholbedingter Straftaten und anderer Fehlverhalten.

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Bizarre Auftritte häufen sich

In der Tat lässt sich beobachten, dass sich Wests bizarre Eskapaden nach diesem Vorfall häufen. In Interviews äußert der Musiker immer wieder wirre Theorien und hält auf Bühnen bizarre Reden. Einer der bekanntesten Ausraster dürfte der im Jahr 2009 gewesen sein: Während der MTV Video Music Awards entreißt der Rapper der heutigen Pop-Ikone Taylor Swift den Award für das „beste weibliche Musikvideo“. Lautstark verkündet West, dass eigentlich seine Kollegin Beyoncé den Preis verdient habe. West wird von der Security abgeführt – Swift verlässt schluchzend die Bühne.

Zwei Jahre später sorgt West erstmals mit Holocaust-Vergleichen für Diskussionen. Im Song „Who Gon Stop Me“ raunt er die Zeilen „This is something like the Holocaust / Millions of our people lost.“ (Deutsch: „Das ist sowas wie der Holocaust / Millionen unseres Volkes verloren“). Damit soll offenbar die gesellschaftlichen Benachteiligung der Afroamerikaner mit dem Völkermord an den Juden verglichen werden.

In den kommenden Jahren folgt ein überraschender Wahlkampfeinsatz für den späteren US-Präsidenten Donald Trump im Herbst 2016 sowie zahlreiche bizarre Interviewauftritte. Gegenüber dem US-Klatsch-Portal „TMZ“ bezeichnet West die Sklaverei der Schwarzen als ihre „eigene Wahl“. Während der Pandemie verbreitet der Rapper zahlreiche Verschwörungserzählungen über das Coronavirus und Impfstoffe. 2020 tritt West selbst als US-Präsidentschaftskandidat an – und erhält nicht einmal 70.000 Stimmen.

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Erst Scheidung, dann öffentlicher Meltdown

Als Grund für die jüngsten Entgleisungen des Rappers machen Fans aber auch seine komplizierte Beziehung mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Kim Kardashian fest. Die Scheidung des Promipaares erregt 2021 mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie die Hochzeit 2014. West selbst erlebt nach der Trennung einen für alle sichtbaren Meltdown in den sozialen Netzwerken.

Hier bekundet West immer wieder öffentlich, er wolle Kardashian zurückgewinnen. Er behauptet, die Scheidungspapiere nie gesehen zu haben, kauft das Haus gegenüber von Kardashians Anwesen. In den sozialen Netzwerken schießt der Rapper immer wieder gegen Kardashians neuen Freund, den Komiker Pete Davidson.

Die Entgleisungen münden später in immer bizarreren rassistischen und antisemitischen Äußerungen. Im Oktober stellt West auf der Paris Fashion Week ein Shirt mit der Aufschrift „White Lives Matter“ vor – eine Antwort der rassistischen Alt-Right-Bewegung auf die Bewegung Black Lives Matter, die mitunter auch von Gruppen wie dem Ku-Klux-Klan benutzt worden war.

Immer wieder Antisemitismus

Auf Twitter postet der Rapper an seine 31,4 Millionen Follower eine Drohung an Jüdinnen und Juden. „Ich bin heute Nacht ein bisschen müde, aber wenn ich aufwache, gehe ich bei JÜDISCHEN MENSCHEN auf Alarmstufe Gelb“, steht dort geschrieben.

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In einem Interview mit dem Fox-News-Moderator Tucker Carlson breitet West seine wirre Gedankenwelt vollständig aus: „Body Positivity“ sei eine von den Medien gesteuerte Verschwörung mit dem Ziel, Schwarze zu töten, meint er da etwa. Das „Vice“-Magazin zitiert zudem unveröffentlichte Ausschnitte aus dem Interview. In diesen sagt West mitunter, dass Planned Parenthood, die US-amerikanische Organisation für Schwangerschaftsabbruchberatung, erschaffen wurde, „um die jüdische Bevölkerung zu kontrollieren“.

So tragisch die Trennung und der Tod von Donda West auch gewesen sein mochten – Entschuldigungen, um mit rassistischen und antisemitischen Hasstiraden um sich zu werfen, sind die Ereignisse wahrlich nicht. Gegen die Theorie spricht auch, dass der Rapper bereits zuvor exzentrische Züge an sich hatte: Schon 2005 sorgte West mit Aussagen zu Aids und Verschwörungstheorien über die Droge Crack für Diskussionen. Später störte er, noch lange vor dem Fall mit Taylor Swift, die Siegesreden von Künstlerinnen und Künstlern bei Preisverleihungen.

Welche Rolle spielt die Bipolare Störung?

Häufig fällt im Zusammenhang mit Kanye West Abdriften die Theorie, sein Verhalten könne mit seiner Erkrankung zusammenhängen. West leidet offenbar unter einer bipolaren Störung, wie er und seine Lebensgefährtin Kim Kardashian in der Vergangenheit mehrfach erklärt hatten – allerdings zwischenzeitlich auch immer mal wieder dementierten.

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Kardashian schrieb vor zwei Jahren auf Instagram, West sei „ein brillanter, aber komplizierter Mensch, der neben dem Druck, Künstler und Schwarzer zu sein, den schmerzhaften Verlust seiner Mutter erlebt hat und mit dem Druck und der Isolation umgehen muss, die seine bipolare Störung verstärkt.“ Diejenigen, die dem Musiker nahe stünden, wüssten, dass seine Worte nicht immer mit seinen Absichten übereinstimmten.

Betroffene der psychischen Erkrankung sind immer wieder extremen Hochphasen, der Manie, ausgesetzt, die sich durch eine überschwängliche Stimmung auszeichnet – Patientinnen und Patienten sind in diesen Phasen häufig extrem aktiv. Die Hochphasen allerdings wechseln sich ab mit der Depression – in diesen Phasen fühlen sich Betroffene niedergeschlagen und antriebslos. Auch Mischformen gibt es – die Kennzeichen einer bipolaren Störung können vielschichtig sein und von Patient zu Patient variieren.

Was ist echt und was nicht?

In einem Interview mit David Lettermann hatte West im Jahr 2019 ausführlich über die Erkrankung gesprochen. Er fühle sich, als würde er „hoch hinaus“ gehen, so der Rapper damals. „Wenn Sie nicht jeden Tag Medikamente einnehmen, um sich in einem bestimmten Zustand zu halten, haben Sie das Potenzial, sich zu steigern, und es kann Sie sogar an einen Punkt bringen, an dem Sie sogar im Krankenhaus landen können. Und Sie fangen an, sich unberechenbar zu verhalten (...)“

Robert Hirschfeld, Arzt und Professor für klinische Psychiatrie an der Weill Cornell Medicine, sagte der „Washington Post“, es sei „nicht ungewöhnlich ist, dass Menschen Dinge tun, die sie niemals tun würden“ – ohne genauer auf den Fall Kanye West eingehen zu wollen. „Ich hatte so viele Fälle von Menschen, die glücklich verheiratet sind und noch nie daran gedacht haben, ihren Ehepartner zu betrügen. Und dann werden sie manisch, sie werden hypersexuell, und sie gehen los und fangen an, Leute von der Straße aufzulesen.“

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Mit der Zeit könne es schwierig werden, zwischen der bewussten Handlung einer Person und ihrer Krankheit zu unterscheiden. Häufig sei das „verworren und schwierig“, sagt Hirschfeld. „Damit haben die Gerichte ständig zu kämpfen. Oft ist es unmöglich, eine saubere Trennung zwischen einer Person, wie sie wäre, wenn sie nicht krank wäre, und dem Einfluss einer psychischen Erkrankung zu finden.“

Krankheit fördert keinen Rassismus

Gegen die Theorie allerdings spricht, dass jährlich etwa 2,8 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner mit einer bipolaren Störung diagnostiziert werden – und nur die wenigsten von ihnen dadurch zu Antisemiten werden dürften.

Isha Metzger, Professorin an der University of Georgia sagte der „Washington Post“: Die Ansichten des Rappers seien „kein Symptom einer bipolaren Störung“. Rassismus sei keine psychische Erkrankung. Vielmehr könne „das Fehlen eines Filters dazu führen“, dass derartige Überzeugungen einfach „herauskommen“.

Genau das glauben inzwischen auch die treusten Fans des Rappers. Im Reddit-Forum r/Kanye verurteilen frühere Unterstützerinnen und Unterstützer das Verhalten des Rappers – ein Nutzer funktionierte das Forum kurzerhand scherzhaft um: „Dies ist jetzt ein Taylor-Swift Subreddit“, schrieb er – in Anlehnung an die frühere Fehde des Rappers mit der Sängerin. Andere Nutzerinnen und Nutzer veröffentlichten Gedenkposts zum Holocaust, um den unterirdischen Äußerungen des Rappers etwas entgegenzusetzen.

Der Betreiber von r/WestSubEver ging am Donnerstag noch einen Schritt weiter. Das antisemitische Interview habe das Fass endgültig zum überlaufen gebracht, schrieb er – und schloss seine Community.

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