Serie „Licht zeigen“

Auf der anderen Straßenseite: Vom Aufstieg und Fall des einstigen NSDAP-Kreisleiters in Kiel

Was spielte sich auf der anderen Seite der Straße im Dezember 1931 ab? Dort befand sich das Büro der Kieler NSDAP-Kreisgeschäftsstelle, die Reinhard Sunkel leitete.

Was spielte sich auf der anderen Seite der Straße im Dezember 1931 ab? Dort befand sich das Büro der Kieler NSDAP-Kreisgeschäftsstelle, die Reinhard Sunkel leitete.

Kiel. Drüben, auf der anderen Straßenseite, regiert das Chaos. Zehn verschiedene Kreisleiter haben binnen vier Jahren versucht, die NSDAP in Kiel zu führen, die Splitterpartei zusammenzuhalten und interne Machtkämpfe zu unterbinden. Sie alle scheitern – und müssen ihren Platz im Gebäude Sophienblatt 35 räumen. Es ist das Jahr 1931, als erstmals Stabilität in die Kreisgeschäftsstelle einzieht: Mit Reinhard Sunkel übernimmt ein Mann die führende Position für Kiel, Eckernförde und Bordesholm, der in der Fördestadt zu dieser Zeit bestens bekannt ist – intern für seinen Einfluss, seine Verdienste als Studentenfunktionär an der Christian-Albrechts-Universität (CAU), aber auch für seine Radikalität. Jenseits der Partei für seine Eskapaden etwa in einem Nachtklub, die Teilnahme am Hitlerputsch und seine mutmaßliche Beteiligung an zwei Tränengas-Angriffen, allesamt Taten, für die er vor Gericht landete.

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Serie „Licht zeigen“: Was geschah 1931 in der Kreisgeschäftsstelle der NSDAP in Kiel?

Im selben Jahr, in dem Sunkel Kreisleiter wird, macht eine Frau, 31-jährig wie er, mit ihrer Kleinbildkamera ein mutiges Foto. Rosi Posner, die Frau des letzten Kieler Rabbiners vor dem Holocaust, stellt im Dezember 1931 ihren Chanukka-Leuchter auf das Fensterbrett ihrer Wohnung, Sophienblatt 60, und drückt ab. Im Hintergrund ist die Kreisgeschäftsstelle zu sehen, an dem Gebäude hängt übergroß die Nazi-Flagge.

Dieses Foto, das heute, 90 Jahre später, weltberühmt ist, steht im Zentrum des Projekts „Licht zeigen“, der Aktion des Freundeskreises von Yad Vashem und der Kieler Nachrichten. Bislang haben wir über die Opfer und ihre Nachfahren berichtet, den Leuchter als Artefakt und die aktuelle Situation der Juden in Kiel. Doch was spielte sich damals auf der anderen Seite der Straße ab, im dritten Stock der ehemaligen Tonhalle? Wer hatte das Sagen? Und wer waren die Männer, die Familie Posner in Angst versetzten und sie letztlich aus ihrer Heimat Kiel vertrieben?

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Reinhard Sunkel kam nach Kiel, um nationalsozialistische Strukturen aufzubauen

Diese Fragen kann am besten Martin Göllnitz beantworten. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Marburg hat vor vier Jahren seine Dissertation an der CAU über die NS-Studentenbewegung in Kiel verfasst, ein fesselndes Stück Kieler Zeitgeschichte auf mehr als 600 Seiten. Es ist eine der wenigen Arbeiten, die sich mit den Akteuren in dieser Frühphase beschäftigen. Eine zentrale Rolle nimmt darin Reinhard Sunkel ein, „ein politischer Abenteurer“, wie Göllnitz schreibt. Seine Doktorarbeit erzählt vom Aufstieg und Fall dieses Mannes, der nur nach Kiel kam, um Strukturen aufzubauen, die es bis dahin in der damaligen Provinz Schleswig-Holstein kaum gab.

Es ist Ende 1925, das Wintersemester steht bevor, als sich Sunkel an der CAU für Germanistik, Geschichte und Philosophie einschreibt. Ob dort jemand seine Vita kannte? Der Sohn eines Generals der Infanterie, geboren im Februar 1900 in Mainz, verbringt seine Schulzeit auf Kadettenschulen, zuletzt in Berlin-Lichterfelde. „Ein national-konservatives Milieu“, erläutert Göllnitz. Sunkel habe dieses Gedankengut schon mit zehn Jahren „den ganzen Tag aufgesaugt“. Der Junge wird in seiner Schulzeit von Soldaten und Offizieren für den Krieg ausgebildet, der dann auch beginnt, als Sunkel 14 Jahre alt ist. Er ist zu jung, um selbst an der Front zu kämpfen – einen Makel, so sieht das Sunkel selbst, den er mit seinem Schulfreund Joachim Haupt gemein hat. „Für die beiden endet der Krieg 1918 nicht, er wird nur auf andere Weise fortgesetzt“, erklärt Göllnitz.

Mit 19 Jahren beteiligt sich der spätere NSDAP-Kreisleiter in Kiel an Straßenkämpfen

Reinhard Sunkel quittiert seine Schullaufbahn, tritt mit 19 Jahren dem Landjägerkorps Maercker bei, einer paramilitärischen Gruppe, und nimmt als Maschinengewehr-Schütze an Straßenkämpfen in Berlin, Erfurt und Halle teil. „Im Januar 1919, in den Anfängen der Weimarer Republik, herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände in Teilen Deutschlands. Für Menschen wie Sunkel, aber auch die vielen desillusionierten Soldaten bedrohte der Bolschewismus nach der Auflösung der deutschen Armee das Deutsche Reich“, stellt Göllnitz fest.

Ein Jahr später holt Sunkel sein Abitur nach. 1922 tritt er der NSDAP bei und beteiligt sich im folgenden Jahr zusammen mit seinem Kumpel Haupt am Hitler-Putsch in München. Die Partei wird daraufhin verboten, Sunkel zu einer Haftstrafe verurteilt, die er aber nie antreten muss. Die Gerichte, so Göllnitz, seien damals auf dem rechten Auge blind gewesen, „sie sind viel zu milde mit den Tätern politischer Straftaten umgegangen“. Auch deshalb bleibt deren Engagement für den Nationalsozialismus ungebrochen.

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Als der eine Rabbiner in Kiel wird, gründet der andere den NSDAP-Gau Schleswig-Holstein

Nach einem gescheiterten Studium der Rechtswissenschaft verschlägt es Sunkel und Haupt schließlich 1925 nach Kiel. Im selben Jahr heiratet Arthur Posner, der ein Jahr zuvor eine Anstellung als Rabbiner an der Kieler Synagoge und als Religionslehrer an Simultanschulen in Kiel erhielt, die Fremdsprachenassistentin Rosi Rachel Posner. Während das frisch vermählte Paar einen Chanukka-Leuchter aus Messing kauft, gründet Reinhard Sunkel im März 1925 den NSDAP-Gau Schleswig-Holstein mit. Hinrich Lohse, später ein wichtiger Fürsprecher Sunkels, wird zum Gauleiter ernannt.

Studenten stören Auftritt einer Nackttänzerin in Kieler Varieté

Doch das reicht Sunkel nicht: Er will die Kieler Studentenschaft für die NS-Bewegung gewinnen. Im Februar 1927 gründet er mit Haupt den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB), ein zunächst kleiner Kreis aktiver Mitstreiter. Im Dezember machen die beiden und zwei weitere Funktionäre dann erstmals im Norden Schlagzeilen: Im Kieler Varieté „Valencia“ protestieren sie gegen den Auftritt der französischen Nackttänzerin Gabrielle Bonnet, sie johlen, trampeln, zischen – und werfen ein Weinglas auf die Bühne. Sunkel und Co. müssen sich dafür „wegen groben Unfugs“ vor dem Kieler Amtsgericht verantworten, das sie zu einem geringen Bußgeld verurteilt.

Für Joachim Haupt, der Hitler Jahre zuvor sogar im Gefängnis in Landsberg besucht hat, hat der Vorfall im Varieté dennoch Folgen: Der Oberpräsident der schleswig-holsteinischen Provinz droht Haupt, der – eingebettet in sein Studium – im ersten Jahr als Studienreferendar am Staatlichen Gymnasium Kiel tätig ist, mit dem Ausschluss vom Schuldienst und bezeichnete ihn „als nationalsozialistischen Fanatiker nicht gerade vornehmster Art“. Studentenführer Haupt tritt deshalb von allen Ämtern zurück – zieht aber hinter den Kulissen weiter Strippen. „Das Engagement in einer mitgliedsschwachen Splitterpartei“, schreibt Göllnitz, „versprach Ende der 20er-Jahre keine Vorteile für die Karriere.“

Der Aufstieg der NSDAP in Schleswig-Holstein ist auch Sunkels Verdienst

Sunkel hingegen studiert, rekrutiert und rebelliert weiter. Er, der Wortführer eines radikal-sachlichen Flügels der studentischen NS-Bewegung, gewinnt mehr und mehr Anhänger. Auch beim Aufbau, der Mitgliederwerbung und Organisation regionaler wie lokaler Orts- und Kreisstrukturen des NS-Schülerbundes, der Hitlerjugend und der NSDAP war Sunkel neben Willi Ziegenbein und Georg Hempel in diesen Jahren fast allein verantwortlich. Der NSDStB in Kiel gehört 1931 zudem zu den stärksten Deutschlands. Sunkels Anteil am Aufstieg der Kieler NS-Bewegung erkennen auch die Parteioberen an: Sie machen ihn zum Ortsgruppenleiter der NSDAP in Kiel sowie zu deren Kreisleiter. Sunkel bricht daraufhin seine Promotion ab.

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Rabbi Arthur Posner spürt zu dieser Zeit schon deutlich den aufkommenden Antisemitismus. In der von ihm gegründeten Sonntagsschule lehrt er Jugendliche Landeskunde, Hebräisch und Religion. Auch tritt er immer wieder öffentlich gegen Judenhass auf, als Autor zahlreicher Bücher und Schriften sowie als Redner. Doch das Gefühl der direkten Bedrohung nimmt erst 1931 rasant zu, ein Jahr nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen mit 22 Prozent der Stimmen ihren Durchbruch hat.

Eklat bei Einweihung des Kriegsdenkmals auf dem Gelände der CAU

Für diese Bedrohung ist auch Reinhard Sunkel verantwortlich. Am 27. Juni 1931 kommt es auf dem Gelände der CAU zum Eklat, der die Grenze zur Radikalität endgültig durchbrechen sollte. Bei der Einweihung des Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges hält sich der damalige Studentenbundführer Wilhelm Köhne nicht ans Protokoll und beendet seine Rede nach der Kranzniederlegung mit Heil-Rufen. Aus dem Publikum wird daraufhin mit „Deutschland erwache“ erwidert, Zeugen wollen auch „Jude verrecke“ vernommen haben. Sunkel heizt den Konflikt, der in der regionalen Presse kontrovers diskutiert wird, mit der Behauptung an, dem sei eine Provokation der Freien Turnerschaft vorausgegangen. Dies kann allerdings widerlegt werden.

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Zwei Tränengas-Angriffe in Kiel binnen fünf Tagen sorgen für Schlagzeilen

Nur drei Tage später kommt es in Kiel zum Tränengas-Angriff auf den Völkerrechtler Walther Schücking, der zu der Zeit der einzige Deutsche unter den Richtern am Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag war. Während eines Vortragsabends des Demokratischen Studentenbundes wirft der Medizinstudent und NSDStB-Angehörige Hans Joachim Eichhoff einen Knallkörper durch die Tür der Seeburg-Mensa. Wiederum fünf Tage später ereignet sich in Kiel der nächste Tränengas-Angriff: Während der Filmvorführung „Im Westen nichts Neues“ im Kieler Kapitol-Lichtspiel gießen vier SS-Männer in Zivil das Reizgas in den Saal. Außer ihnen werden wenige Tage später auch sechs Funktionäre verhaftet, darunter Reinhard Sunkel. Doch aufgrund des Mangels an Beweisen wird er später freigesprochen.

Und selbst Eichhoff, der überführte, erst 19 Jahre alte Attentäter, wird im Dezember 1931 lediglich zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt. Die Entscheidung verunsichert das bürgerliche Milieu, allen voran die jüdische Gemeinde. Hinzu kommt, dass es in Kiel schon sehr früh Veranstaltungen und Boykott-Aufrufe gegen Juden gibt, auch Pressekampagnen der NS-Zeitung. Genau jetzt findet das Chanukkafest statt. Die meisten Jüdinnen und Juden ziehen längst die Vorhänge zu, wenn sie die Kerzen auf ihren Leuchtern entzünden – aus Angst vor Übergriffen. Rosi Posner tut das nicht. Trotz der direkten Nähe zur NSDAP im Haus gegenüber bringt sie 1931 den Mut auf, die Vorhänge geöffnet zu lassen. Auf die Rückseite des Fotos schreibt sie später: „Juda verrecke“, die Fahne spricht, „Juda lebt ewig“, erwidert das Licht.

Was nach 1931 in Kiel geschieht

1932 erreicht die NSDAP in Kiel schon über 46 Prozent der Stimmen, der höchste Anteil aller deutschen Städte zwischen 100.000 und 200.000 Einwohnern. Sunkel wird preußischer Landtagsabgeordneter, sein Amt als Kreisleiter übernimmt Walter Behrens, der kurz darauf Kiels Oberbürgermeister wird und erst bei Kriegsende die Stadt an die Engländer übergibt.

Im April 1933 wird der erste Kieler Jude ermordet, der Rechtsanwalt Wilhelm Spiegel. Wenige Tage später wird auch der jüdische Anwalt Friedrich Schumm erschossen, den Rabbiner Posner vor den Toren Westerrönfelds bestattet. In Kiel ist dies bereits zu gefährlich. Zur gleichen Zeit gibt es den ersten reichsweiten Judenboykott, wonach in jüdischen Geschäften nicht mehr eingekauft werden sollte.

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Die Familie Posner emigriert im Juni 1933 zunächst nach Belgien und später nach Jerusalem. Rosi Posner, die sich in Israel Rahel nennt, veröffentlicht ihr Foto in einer jüdischen Zeitung, als Zeichen des Widerstands. Erst Jahrzehnte später wird es weltbekannt und ist heute zusammen mit dem Leuchter in der Gedenkstätte Yad Vashem zu sehen.

Joachim Haupt wird 1931 endgültig aus dem Schuldienst entlassen, wegen seiner „nationalsozialistischen Umtriebe“, wie es offiziell heißt. Später arbeitet er als Inspekteur im Reichserziehungsministerium.

Die Kreisgeschäftsstelle der NSDAP im Sophienblatt 35 wird 1944 ebenso von Bombenangriffen zerstört wie das Haus mit der Nummer 60, in dem die Familie Posner mit ihren drei Kindern lebte.

Und Reinhard Sunkel? Dem gelingt nach der Machtergreifung eine beispiellose Karriere: Trotz fehlender Verwaltungserfahrung klettert er in der Hierarchie des Reichserziehungsministeriums Stufe für Stufe höher, bis er im August 1934 sogar das Ministeramt leitet, als persönlicher Adjutant des Ministers Bernhard Rust. Drei Jahre später, ihm ist gerade das Kuratoramt der Universität Berlin zugesagt worden, stürzt er allerdings über eine angeblich jüdische Urgroßmutter. Zwar ist das eine Lüge, eine parteiinterne Intrige, typisch für das böse Spiel dieser Zeit. Doch Hitler persönlich nimmt das für bare Münze und versetzt den 37-jährigen Sunkel in den einstweiligen Ruhestand.

Am 8. Mai 1945, als die deutsche Wehrmacht endgültig kapituliert und der Zweite Weltkrieg in Europa endet, begeht Sunkel in Lettland Suizid, als einziger Angehöriger der Kieler Studentenfunktionäre.

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