Schüler reden über „Licht zeigen“

„Es beginnt mit Ausgrenzung und endet mit Mord“

Bildungsministerin Karin Prien diskutiert mit Oberstufenschülern an der Kieler Hebbelschule über Erinnerungskultur. Die elfte Klasse macht bei der Aktion „Licht zeigen“ mit, am Fenster klebt bereits der Leuchter.

Bildungsministerin Karin Prien diskutiert mit Oberstufenschülern an der Kieler Hebbelschule über Erinnerungskultur. Die elfte Klasse macht bei der Aktion „Licht zeigen“ mit, am Fenster klebt bereits der Leuchter.

Kiel. Am Fenster des Klassenraumes der elften Klasse aus dem Geschichtsprofil der Kieler Hebbelschule klebt der Chanukka-Leuchter der Aktion „Licht zeigen“ schon. „In der Gedenkstätte Yad Vashem hängt das Bild aus Kiel richtig groß“, erzählt Bildungsministerin Karin Prien (CDU), die an diesem Morgen statt Geschichtslehrer Philipp Wolter vor den Schülerinnen und Schülern steht.

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"Dieser Leuchter stand 1931 bei der Frau des Rabbis erkennbar im Fenster, während am Gebäude gegenüber große Fahnen der NSDAP hingen. Man sieht geradezu die Bedrohung." Das Bild von Rahel Posner, das damals in ihrer Wohnung am Sophienblatt entstand, ist zum Symbol gegen die Unterdrückung und Ausgrenzung geworden. Die Frau des Kieler Rabbis notierte auf der Rückseite: "Juda verrecke", die Fahne spricht – "Juda lebt ewig", erwidert das Licht.

Die Aktion "Licht zeigen" und den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar nahm die Ministerin zum Anlass, um mit den Jugendlichen darüber zu diskutieren, wie aus deren Sicht gute Erinnerungskultur aussehen müsste. "Wie kann man sich am besten mit dem Thema beschäftigen, sodass es euch auch erreicht?", fragte Prien.

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Jugendliche finden: Jeder sollte einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen

„Ich finde es besonders wichtig, dass man die Berichte der Zeitzeugen für die nachfolgenden Generationen gut festhält, damit der Schrecklichkeitsgrad der Taten nie vergessen wird“, sagt Roman Mihajlovic.

„Einige von uns waren im KZ Stutthof bei Danzig. Das war sehr eindrucksvoll. So ein Besuch löst Emotionen aus, das ist etwas ganz anderes, als nur im Unterricht davon zu hören, und wichtig fürs Erinnern“, sagt Florian Rosenstein. Die Elftklässler sind sich einig, dass es gut wäre, wenn jeder in seiner Schullaufbahn einmal ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen würde. „Ich finde, das sollte sogar Pflicht sein“, so Greta Schäfer.

Die Schüler wollen ein Zeichen setzen: Martha Sonders bringt einen Leuchter auf die Glasfront im Schulflur an.

Die Schüler wollen ein Zeichen setzen: Martha Sonders bringt einen Leuchter auf die Glasfront im Schulflur an.

Schüler würde gerne mehr vom jüdischen Leben heute lernen

Die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden im Holocaust sei erschreckend, findet Daniel Priebs. Nur daran zu erinnern, reiche aber nicht. „Das ist nicht nur eine Zahl. Hinter jeder Nummer steckt ein Mensch und seine Geschichte.“ Die müssten erzählt werden, um all das Leid greifbarer zu machen.

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Aus seiner Sicht müssten die Menschen allerdings nicht nur auf die Opfer von damals zurückblicken, sondern sich auch viel mehr mit dem jüdischen Leben im Heute auseinandersetzen. „Es geht darum, einander zu begegnen“, glaubt auch Prien. Es solle zudem nicht nur über Antisemitismus gesprochen werden, sondern auch darüber, wie sehr jüdisches Leben unsere Kultur durch Wissenschaftler oder Künstler geprägt habe.

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Jugendliche: Hass im Netz darf nicht geduldet werden

„Es beginnt mit Ausgrenzung, und es endet mit Mord“, das müsse man sich immer wieder vor Augen führen, sagt Daniel Priebs. „Es war ja damals nicht Hitler auf der Straße, der die Juden bespuckt hat. Das war der Bäcker oder der Handwerker – ganz normale Leute.“ Und so habe es angefangen. Das sei auch ein Grund dafür, warum jungen Menschen heute klargemacht werden müsse, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist, in dem volksverhetzende Inhalte von der Gesellschaft geduldet werden, sagt Roman Mihajlovic. „Soziale Netzwerke sind da ein gefährlicher Nährboden.“

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Roman Mihajlovic (Mitte) besorgt, dass soziale Netzwerke im Internet gefährlicher Nährboden für Hass sind. Sein Sitznachbar Daniel Priebs (li.) findet es wichtig, sich anhand der Geschichte immer wieder vor Augen zu führen, in welche Taten Ausgrenzung münden kann.

Roman Mihajlovic (Mitte) besorgt, dass soziale Netzwerke im Internet gefährlicher Nährboden für Hass sind. Sein Sitznachbar Daniel Priebs (li.) findet es wichtig, sich anhand der Geschichte immer wieder vor Augen zu führen, in welche Taten Ausgrenzung münden kann.

Die Elftklässler glauben, dass der Blick auch immer auf die Beweggründe der Täter von damals gerichtet werden muss. Sicher hätten viele Angst davor gehabt, selbst zum Opfer zu werden, wenn sie nicht mitmachten. Auch Befehlshörigkeit habe eine große Rolle gespielt. Damit dürfe man sich aber nicht herausreden. „Jeder war Teil einer großen Tat“, sagt Julius Lange. Wenn heutzutage Gruppendruck entstehe, dürfe nicht vergessen werden, in welche Richtung sich das entwickeln könne.

„Ich finde es gut, Hass mit einem Symbol wie dem Leuchter entgegenzuhalten und zu zeigen, dass wir Ausgrenzung nicht tolerieren“, sagt Florian Rosenstein. Gemeinsam mit der Ministerin kleben die Schülerinnen und Schüler deshalb zum Abschluss noch ein paar der Chanukka-Leuchter an die Glasfront im Flur, damit sie für die anderen Klassen ebenfalls sichtbar sind.

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