Funkhaus Kiel

Nach Vorwürfen: NDR-Funkhausdirektor Thormählen vorübergehend im Urlaub

Nach erneuten Vorwürfen gegen den NDR in Schleswig-Holstein zieht sich Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen zurück. Er nimmt unbezahlten Urlaub.

Nach erneuten Vorwürfen gegen den NDR in Schleswig-Holstein zieht sich Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen zurück. Er nimmt unbezahlten Urlaub.

Kiel. Mitten in einer der größten Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Schleswig-Holstein hat Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen seinen Platz geräumt – zumindest vorerst. Der 61-Jährige, der vor 40 Jahren beim NDR begann, zog damit die Konsequenzen aus den nicht enden wollenden Vorwürfen gegen den Sender. „Um Abstand zu gewinnen“, habe er um einen Monat unbezahlten Urlaub gebeten, erklärte NDR-Intendant Joachim Knuth.

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Ein Vergnügen wird diese Zeit für Thormählen sicher nicht. Denn in seinem Funkhaus hängt der Haussegen gehörig schief. Der Vorwurf, der NDR zeige in seiner politischen Berichterstattung eine zu große Nähe zur Macht, Führungskräfte würden massiv Einfluss auf allzu kritische Beiträge nehmen und wie "Pressesprecher der Ministerien" agieren, haben das Landesfunkhaus in seinen Grundfesten erschüttert. Die Redaktion ist fassungslos und brachte das in einem beispiellosen Auftritt im Schleswig-Holstein-Magazin am Mittwochabend zum Ausdruck, als sich Redakteure und Redakteurinnen zum Gruppenbild vor laufender Kamera versammelten. Die NDR-Mitarbeiter fordern lückenlose Aufklärung. Zuvor waren Chefredakteur Norbert Lorentzen und Politikchefin Julia Stein freigestellt worden, die im Mittelpunkt der Kritik stehen.

Thormählen soll Reporter in der Rocker-Affäre gebremst haben

Zu diesem Zeitpunkt ahnte zumindest die Redaktion noch nicht, dass es womöglich noch schlimmer kommt. Am Donnerstag veröffentlichte das Medienportal „Business Insider“, das zum Springer-Konzern gehört, einen weiteren Bericht, in dem der Funkhausdirektor eine fragwürdige Hauptrolle spielt. Es geht um die offene Kritik eines investigativen NDR-Journalisten, der 2019 im Rahmen einer Besprechung die Strukturen des Senders infrage stellte. Glaubt man dem Bericht, handelte sich der Reporter mit seinen Vorwürfen an die Hausspitze prompt eine Abmahnung ein, gegen die er sich vor Gericht zur Wehr setzen musste.

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Die Kritik, die der Fernsehmann seinerzeit äußerte, bezog sich auf Vorgänge, die zwei Jahre zurücklagen. Ebenso wie die Kieler Nachrichten hatte der NDR-Journalist in der Rocker-Affäre recherchiert, in der es um Mobbing-Vorwürfe und Fehlverhalten an der Spitze der Polizei ging. In diesem Zusammenhang sei er zum Landesfunkhausdirektor einbestellt worden. Bei dem Treffen sollen auch Norbert Lorentzen und Julia Stein zugegen gewesen sein. Was der Reporter zu hören kam, gefällt Journalisten in der Regel nicht. Der Landespolizeidirektor und der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium sollen sich demnach an die Chefetage gewandt und an der Berichterstattung in diversen Punkten Kritik geübt haben. Thormählen habe erklärt, dass er das Ganze „für eine Kampagne“ halte, an der sich der NDR nicht beteiligen solle.

Warum wollte der NDR kein Interview mit Grote senden?

Pikant: Die Landespolizeidirektor und Amtsleiter wurde später vom damaligen CDU-Innenminister Hans-Joachim Grote ihrer Ämter enthoben. Grote musste später selbst im Streit mit Ministerpräsident Daniel Günther seinen Stuhl räumen. Wie berichtet, lehnte die Redaktionsspitze des NDR ein Interview mit Grote, das ein anderer Journalist dazu führen wollte, ab. Ebenfalls heikel: Thormählens Bruder wurde 2014 wegen Betrugs verurteilt, nachdem ihn Grote, damals Oberbürgermeister von Norderstedt, belastet hatte.

Landesrundfunkrat will zur Aufklärung externe Fachleute hinzuziehen

Viel Arbeit für die Kontrolleure.Der unabhängige Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein hat eine Prüfung eingeleitet. "Wir tagen seit Mittwoch quasi ununterbrochen, jetzt haben wir eine Strategie festgelegt, wie wir vorgehen werden", sagte die Vorsitzende Laura Pooth auf Anfrage. Dafür würden auch externe Fachleute hinzugezogen, die den Rundfunkrat bei der Klärung der Vorwürfe unterstützen sollen.

Wurde Berichterstattung beim NDR gezielt beeinflusst?

Seit Tagen kommen immer mehr Vorwürfe gegen redaktionelle Verantwortliche in Kiel ans Licht. Im Kern geht es um die Frage, ob diese die Berichterstattung von Kollegen gezielt beeinflusst haben könnten. Die Rede war auch von einem politischen Filter.

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ILandesfunkhausdirektor Volker Thormählen (li.) übernahm den Posten von Friedrich-Wilhelm Kramer (Mi.). Mit im Bild: der damalige NDR-Intendant Lutz Marmor.

ILandesfunkhausdirektor Volker Thormählen (li.) übernahm den Posten von Friedrich-Wilhelm Kramer (Mi.). Mit im Bild: der damalige NDR-Intendant Lutz Marmor.

NDR in Kiel: Bettina Freitag übernimmt vorübergehend Geschäfte von Volker Thormählen

Landesfunkhauschef Volker Thormählen teilte am Donnerstag zu seinem vorübergehenden Urlaub mit: „Mit diesem Schritt möchte ich dazu beitragen, dass unter größtmöglicher Beteiligung der Kolleginnen und Kollegen sowie mit externer Hilfe und Unterstützung der von mir initiierte Prozess beginnen kann, ohne dass der Eindruck entsteht, ich könnte darauf Einfluss nehmen.“ Er sei am Mittwochnachmittag nach einer Redaktionskonferenz zu dieser Überzeugung gekommen. Seine Stellvertreterin Bettina Freitag übernimmt solange die Geschäfte.

In dem öffentlich-rechtlichen ARD-Haus rumort es seit Tagen, Mitarbeiter sind verunsichert, es gibt Krisengespräche. NDR-Intendant Knuth sagte, Bettina Freitag werde ein Team zur Seite gestellt, "das gemeinsam mit ihr und den Kolleginnen und Kollegen vor Ort zielführende Prozesse und Strukturen etablieren wird, welche einen mutigen, unabhängigen Journalismus garantieren". Dieses Team werde an eine Verantwortliche oder einen Verantwortlichen außerhalb des Landesfunkhauses berichten.

Norbert Lorentzen und Julia Stein beim NDR in Schleswig-Holstein von Aufgaben entbunden

Bereits am Mittwoch war bekanntgeworden, dass der Chefredakteur am Standort Kiel, Norbert Lorentzen, und die Politik-Verantwortliche Julia Stein darum gebeten hatten, sie bis auf weiteres von ihren bisherigen Aufgaben zu entbinden. Es gilt die Unschuldsvermutung, wie betont wurde.

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Ausgangspunkt der Krise sind Medienberichte: Das Online-Medium "Business Insider" und danach der "Stern" hatten aus einem internen Abschlussbericht des Redaktionsausschusses zitiert, der als eine Art Beschwerdestelle des Senders fungiert. NDR-Mitarbeiter selbst hatten beklagt, dass es eine Art Filter durch die Vorgesetzten in der Redaktion geben könnte. Lorentzen und auch der NDR hatten den Vorwurf von politischer Einflussnahme zurückgewiesen.

Missstände in Heimen: Auch hier soll die Politikchefin eingegriffen haben

Inzwischen kamen weitere Vorwürfe durch einen "Stern"-Bericht auf. Demnach soll Stein darauf hingewirkt haben, dass das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Recherche-Unterlagen zu einem damals noch geplanten Beitrag über ein Heim im Norden in den Nachkriegsjahren zu sehen bekommt. In der Einrichtung sollen Kinder drangsaliert worden sein. Der "Stern" berichtet, dass im Senderhaus darauf hingewirkt worden sein soll, dass die Recherchen zumindest abgeschwächt werden.

„Stern“ deckt private Verbindung auf

Der „Stern“ berichtete in diesem Kontext auch von einer privaten Verbindung. Die DRK-Chefin Schleswig-Holstein soll zu dem Zeitpunkt mit der damaligen Landesrundfunkratsvorsitzenden des NDR in Schleswig-Holstein liiert gewesen sein, hieß es. Aktuell ist sie nicht mehr an der Gremiums-Spitze.

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Der unabhängige Landesrundfunkrat kontrolliert in dem ARD-Sender die Programmarbeit. Außerdem ging der „Stern“-Beitrag auf den Vertreter von Politik-Chefin Stein ein und berichtete von Fotos, auf denen der Journalist mit seinem Ehemann - einem Politiker - mitten in dessen Wahlkampf für ein Bürgermeisteramt zu sehen war.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes haben wir geschrieben, dass in einem später ausgestrahlten Beitrag das DRK als Verantwortlicher des Heims nicht genannt worden sein soll. Diesen Satz haben wir aus dem Text entfernt, weil der Beitrag nicht ausgestrahlt wurde.

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