KN-Talk zur Europawahl

Urlaubsreise auch mal nach Polen

Foto: Staatsminister im Auswärtigen Amt Martin Roth (SPD; im Foto rechts) während einer von den Kieler Nachrichten veranstalteten Diskussionsrunde in der Kieler Kunsthalle. Moderiert wurde die Veranstaltung zum Thema Europa von KN-Nachrichtenchef Florian Hanauer.

Staatsminister im Auswärtigen Amt Martin Roth (SPD; im Foto rechts) während einer von den Kieler Nachrichten veranstalteten Diskussionsrunde in der Kieler Kunsthalle. Moderiert wurde die Veranstaltung zum Thema Europa von KN-Nachrichtenchef Florian Hanauer.

Kiel. Der 48-Jährige ist gekommen, um für die europäische Idee die Werbetrommel zu rühren. Mitunter unkonventionell. Schon dieser leuchtend blaue Hoodie mit den Europa-Sternen ist ein Statement. Michael Roth hat ihn an diesem Abend gegen sein dunkles Politiker-Sakko getauscht, und irgendwann nach eineinhalb Stunden bricht es aus einem älteren Zuschauer heraus: Warum bloß die Sterne auf Roths Kapuzenpullover bunt und nicht in Gold seien? Nein, Brüssel habe das keineswegs geändert, beschwichtigt der Gast aus Berlin. Es handele sich vielmehr um eine leichte Verfremdung als Zeichen, dass Europa für Vielfalt stehe. Jedenfalls nach seinem Verständnis – auch wenn Populisten und Nationalisten in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien.

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“Immenser Aderlass“ im ehemaligen Ostblock

Ein paar zentrale Botschaften hat Roth mitgebracht. Ja, antidemokratische Tendenzen in Ländern des ehemaligen Ostblocks müsse man kritisieren. Viel zu lange habe Brüssel nur über Fragen der Agrarpolitik gesprochen, nicht aber über Demokratie, unabhängige Gerichte, Pressefreiheit und Korruptionsbekämpfung. „Wir dürfen aber nicht verkennen, dass diese Länder in den vergangenen Jahren einen immensen Aderlass erleben mussten.“ Gut ausgebildete junge Leute gingen ins Ausland, viele für immer. Hinzu sei das jahrelange Desinteresse des alten Westens gekommen. Roth wendet sich direkt an die Zuschauer. „Wann reisen wir denn mal in Länder wie Polen oder Ungarn?“ Statt ins schöne Griechenland oder nach Mallorca zu fliegen, dürfe es zur Abwechslung gern nach Osteuropa gehen. „Wir sollten uns erst einmal für diese Länder interessieren.“ Das sei wichtiger denn je, nich zuletzt um dem kritischen Teil der Bevölkerung seine Referenz zu erweisen.

Brexit „kollektive Verantwortungslosigkeit“

Mit Großbritannien geht Roth hart ins Gericht und spricht angesichts des erneuten Brexit-Aufschubs und der Blockadehaltung des Parlamentes von „kollektiver Verantwortungslosigkeit“. Was ihm allerdings richtig Angst bereite, seien die Konflikte, die auf der Insel exemplarisch zutage getreten seien: zwischen Stadt (pro EU) und Land (kontra), zwischen Schottland (pro) und England (kontra), zwischen Jung (pro) und Alt (kontra). „Da steckt so viel Zündstoff drin. Aber man löst keine Probleme, indem man den Klub verlässt.“

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Einige Zuschauerfragen kreisen um die Flüchtlingspolitik. Ihn bekümmere, dass so viele Menschen im Mittelmeer ertrinken, sagt Roth. Seit Monaten arbeite die Bundesrepublik an einem Konsens innerhalb der EU, wie Menschen aufgenommen, registriert und zügig ein Asylverfahren erhalten könnten, ohne ihr Leben zu riskieren. „Aber leider nimmt derzeit kein Land, kein Hafen die Flüchtlinge mehr auf. Wir brauchen eine gemeinsame Regelung.“ Er unterstütze mittlerweile auch die Errichtung von Aufnahmezentren in Afrika – vorausgesetzt, die jeweiligen Staaten verpflichten sich humanitären Grundsätzen.

Europäischer Austausch nicht nur für Akademiker

Zuletzt spricht Roth davon, dass man junge Leute von der europäischen Idee begeistern müsse. Bisher seien Austauschprogramme nur eine elitäre, akademische Erfolgsgeschichte. Abseits der Heimat leben, lieben arbeiten: Dies sollte dringend auch auf Auszubildende und junge Berufstätige ausgedehnt werden. „Glauben Sie mir: Es kehren keine Demokratieverächter zurück. Wir müssen die Menschen im Herzen berühren, nicht nur in der Birne.“ Ohne Pragmatismus bleibe der Idealist nicht viel mehr als ein Träumer. Der Pragmatiker ohne Idealismus jedoch werde zum Zyniker. Solche Menschen könne sich Europa nicht leisten.

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