Vater des Brokstedt-Opfers: „Ich möchte, dass meine Tochter stolz auf mich ist“

So will der Vater seine Tochter in Erinnerung behalten. Das Foto im Wohnzimmer zeigt Ann-Marie nach ihrem Schulabschluss. "Sie hatte immer die Sonnenbrille hochgesteckt. Das war typisch für sie", sagt Michael Kyrath.
Quelle: Ulf Dahl
Auf der dunklen Anrichte stehen zwei gerahmte Fotos. Sie zeigen Ann-Marie Kyrath und ihren Freund. „Dem Auge fern, dem Herzen immer nah“, steht auf einer kleinen Tafel daneben. Die beiden jungen Menschen starben am 25. Januar 2023 in einem Regionalzug bei Brokstedt. Erstochen von einem staatenlosen Palästinenser. Aus niedrigen Beweggründen, wie das Gericht später feststellte.
Michael Kyrath, der Vater, der damals seine 17-jährige Tochter verlor, hat uns ins Wohnzimmer der Familie zum Gespräch gebeten. Es geht um Schmerz, Wut und Politik - und über das Gefühl, etwas tun zu müssen.
Herr Kyrath, vor zwei Jahren haben Sie das Schlimmste erlebt, was Eltern erleben können. Ihre Tochter wurde Opfer eines Verbrechens. Wie geht es Ihnen heute?
Michael Kyrath: Es liegen jetzt schwere Wochen hinter uns. Zuerst Weihnachten, dann wäre Ann-Maries 19. Geburtstag gewesen, der zweite Sterbetag von Danny und Ann-Marie. Und dann kam Aschaffenburg dazu. Die letzten Wochen waren wirklich hart.
Der Täter Ibrahim A. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Erst vor wenigen Tagen wurde das Urteil vom Bundesgerichtshof bestätigt. Der Mörder Ihrer Tochter wird also mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder auf freien Fuß kommen. Hat dieser juristische Abschluss für Sie eine Bedeutung?
Man hatte schon die ganze Zeit noch dieses unsichere Gefühl, dass alles wieder von vorn beginnen könnte, wenn die Revision zugelassen worden wäre. Es ist deshalb gut, dass zumindest dieses Kapitel abgeschlossen werden konnte.
Michael Kyrath: „Diese Opfer-Täter-Umkehr ist eine völlig falsche Wahrnehmung“
Es gibt unterschiedliche Formen, die Trauer zu verarbeiten. Sie haben sich nicht zurückgezogen, sondern gehen in die Öffentlichkeit, stehen im Rampenlicht, wie zuletzt bei Markus Lanz. Warum tun Sie sich das an?
Wenn ich etwas als ungerecht empfinde, dann habe ich schon immer versucht, mich dagegen zu wehren. So war es hier auch. Es fing damit an, dass Bundesinnenministerin Faeser sich einen Tag nach dem Unglück auf den Bahnsteig gestellt und gesagt hat, es sei das Wichtigste, dass die Tat nicht von Rechtsradikalen missbraucht wird. Es gab kein Wort an die Opfer, kein Wort an die Hinterbliebenen.
An den darauffolgenden Tagen meldeten sich die selbsternannten Experten zu Wort, die dem Täter per Ferndiagnose alles Mögliche attestierten – von der Psychose bis zur Unzurechnungsfähigkeit. Das hat mich alles sowas von wütend gemacht. Ich möchte die Menschen aufrütteln, weil diese Opfer-Täter-Umkehr eine völlig falsche Wahrnehmung ist.
Welche Rolle hat der Gedanke an Ihre Tochter gespielt?
Ich glaube fest daran, dass wir uns irgendwann einmal wiedersehen werden. Und ich möchte schon, dass sie dann sagt: Papa, ich bin stolz auf dich, dass du gekämpft hast. Ich möchte nicht, dass meine Tochter fragt: Warum hast du nie was gesagt?
Vater des Brokstedt-Opfers: „Wir müssen auch lernen, Ross und Reiter zu nennen“
Gerade jetzt im Wahlkampf scheint für Trauer keine Zeit mehr zu sein. Jede noch so grauenhafte Tat wird instrumentalisiert, auch um die Stimmung gegen Flüchtlinge weiter anzuheizen. Macht es das nicht fast unmöglich, zu vernünftigen Lösungen zu kommen?
Das ist eine Situation, die gar nicht neu ist. Schon 2015, als die ersten den Finger hoben und sagten, das könnte zu Problemen führen, kam es zu einer Art Beißreflex. Wer etwas sagte und vor der Entwicklung warnte, wurde sofort in die Nazi-Schublade gesteckt. Und ich glaube, das hat sich bis heute nicht geändert.
Ich mag keine Verallgemeinerungen. Ich finde diese Stigmatisierung von der einen wie von der anderen Seite schrecklich. Wir haben Ann-Marie auch in diesem Sinne sehr liberal so erzogen. Wir haben ihr beigebracht, dass es keine Rolle spielt, woher jemand kommt, welche Hautfarbe oder Religion er hat oder welches Geschlecht er haben möchte. Man muss auf alle Menschen offen zugehen und nicht vorverurteilen. Und so war Ann-Marie auch.
Bei Ihnen schwingt aber noch eine andere Botschaft mit.
Ja, wir müssen auch lernen, Ross und Reiter zu nennen und Probleme anzusprechen – nicht polemisch und mit Getrommel, sondern mit Intelligenz und Fingerspitzengefühl. Aber wir müssen sie ansprechen, um zu einer Lösung zu kommen. Zurzeit haben wir aber keine Lösung vor Augen - aber so kann es auch nicht weitergehen!
Michael Kyrath kritisiert „immer dieselben Floskeln”
Sie kritisieren die Untätigkeit der Politik. Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen?
Bevor ich in der Sendung bei Markus Lanz war, war ich in Berlin bei Frau Faeser. Und sie hat exakt dieselben Antworten gegeben wie dann Frau Geywitz in der Sendung. Sie haben sich dafür bewundert, was sie in den dreieinhalb Jahren alles getan haben. Alles, was schlecht läuft, ist nach ihren Worten immer die Schuld der Vorgängerregierung.
Auf die Frage, warum vermeintlich falsche Entscheidungen der Vorgängerregierung nicht in den dreieinhalb Jahren abgeändert wurden, erntet man nur Schweigen. Es geht um Menschenleben und es geht um die Leben unserer Kinder.
Wir sind mit weit über 300 Elternpaaren in Kontakt, die in den letzten Jahren Ihre Kinder betrauern mussten. Was uns alle eint, sind fünf Eckpunkte: immer dasselbe Täterprofil, immer dasselbe Tatwerkzeug, immer der nahezu gleiche Tathergang, immer die gleichen Tatmotive und immer dieselben Floskeln der verantwortlichen Politiker. Ich kann Ihnen nicht sagen, was geändert werden muss. Das ist Aufgabe der Bundesregierung!
Welcher Partei trauen Sie denn eine Lösung zu?
Ich habe keine Parteienpräferenz. Ich gehöre auch keiner Partei an. Bei allen Parteien sehe ich positive Dinge, aber auch viele negative Dinge. Ich finde, es wäre wichtiger denn je, mal über seinen Schatten zu springen und zum Wohle und zur Sicherheit der Bevölkerung und der Kinder gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Was wäre ein Baustein?
Ich bin kein Politiker und kein Jurist. Das überlasse ich anderen, die besser bezahlt werden als ich. Ich habe den Vorteil, dass ich laut schreien und sagen kann: Tut was!
Schließen Sie die Landespolitik in Schleswig-Holstein in Ihre Kritik mit ein?
Nein. Es waren damals sofort Daniel Günther und Sabine Sütterlin-Waack bei uns. Wir haben ein gutes Verhältnis. Wir streiten und fetzen uns auch, können aber auch auseinandergehen, ohne gleich beleidigt zu sein. Das gilt aber auch für Politiker von anderen Parteien wie Jan Kürschner, Wolfgang Kubicki oder Niclas Dürbrook. Mit denen kann man diskutieren, wie man Dinge besser machen kann. Auch die Polizei und vor allem die Beamtin, die uns immer noch betreut, sind und waren sehr engagiert. Das möchte ich erwähnen. Da ist insgesamt ein tolles Netzwerk entstanden.
Einzelne Äußerungen von Ihnen werden gern genutzt, um Stimmung gegen Ausländer und gegen die etablierten Parteien zu machen. Sie werden gern als Kronzeuge genommen, wenn es darum geht, schärfere Gesetze gegen Migration zu fordern. Stört Sie das oder nehmen Sie das bewusst hin?
Ich sage das, was ich für richtig halte. Ich nehme keine Rücksicht darauf, was andere daraus machen. Das liegt auch nicht in meiner Macht. Wenn ich anfange, mir bei jedem Satz Gedanken zu machen, wer den instrumentalisieren könnte, dann könnte ich gar nichts mehr sagen.
Vater des Opfers: „Die wenigen Therapieplätze sind eine Lachnummer“
Wie würden Sie denn Ihren Standpunkt formulieren? Müssen die Grenzen dichtgemacht werden, wie es im Fünf-Punkte-Plan der Union steht? Oder liegt das Problem auch darin, dass potenzielle Straftäter sich quasi unter dem Radar bewegen, Behörden sich nicht austauschen oder schlicht überfordert sind?
Es fängt damit an, dass die Bundesregierung doch gar nicht weiß, wie viele Menschen überhaupt zu uns gekommen sind und wo sie sich aufhalten. Und wenn wir über Therapien reden - die wenigen Plätze, die es gibt, sind eine Lachnummer. Das ist Alibi-Politik.
Das heißt konkret?
Die oberste Aufgabe des Staates ist es, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Und das gilt für jeden, der gern in diesem Land lebt und unser Grundgesetz respektiert. Da spielt alles andere keine Rolle. Aber wie sollen wir die Menschen schützen? Natürlich kann man versuchen, alles besser zu überwachen. Oder man sagt gleich: bis hierher und nicht weiter. Wenn Sie in einem Haus leben, schließen Sie ja auch abends die Haustür ab, damit sie sicher sind. Wenn Schengen nicht funktioniert, müssen wir selbst sehen, dass wir unsere Grenzen schützen.
Was sagen Sie denen, die an das Recht auf Asyl und an die Integrationsbemühungen erinnern?
Zunächst einmal: Bei den Plänen der CDU zur Begrenzung geht es nicht um Migration, sondern um irreguläre Migration, also um die Anwendung bestehenden Rechts. Ich frage aber auch: Was tun wir denn in Wirklichkeit? Wir laden Menschen in unser Land ein, stecken Sie in Containerdörfer, geben Ihnen Geld und sagen Ihnen: Seht zu, wie Ihr zurechtkommt. So kann man mit Menschen nicht umgehen.
Letzte Frage: Herr Kyrath, wenn wir uns in einem Jahr wieder unterhalten würden, worüber würden Sie gern sprechen?
Ich wäre froh, wenn wir uns darüber unterhalten könnten, dass sich die Sicherheitslage massiv verbessert hat, dass sich Taten wie in Brokstedt, Mannheim, Aschaffenburg nicht wiederholt haben und keine Kinder zu Schaden gekommen sind. Das ist mein Thema.
Interview: Bodo Stade
KN

