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„Gutes tun im Advent“

Wichtig, aber in Corona-Zeiten wird sie häufig gemieden: Die Krebsvorsorge

„Viele Patienten haben Kontakte gemieden, sind nicht zum Arzt gegangen, aus Sorge, sich dort vielleicht anzustecken.“ Prof. Claudia Baldus vom Uniklinikum Schleswig-Holstein bedauert, dass während der Corona-Pandemie die Zahl der Krebsvorsorgeuntersuchungen stark rückläufig ist.

„Viele Patienten haben Kontakte gemieden, sind nicht zum Arzt gegangen, aus Sorge, sich dort vielleicht anzustecken.“ Prof. Claudia Baldus vom Uniklinikum Schleswig-Holstein bedauert, dass während der Corona-Pandemie die Zahl der Krebsvorsorgeuntersuchungen stark rückläufig ist.

Kiel.Krebs ist in der Corona-Pandemie nicht weniger aggressiv. Doch in der Pandemie gehen wesentlich weniger Menschen zur Krebsvorsorge. Das hat dramatische Folgen. Tumore werden oft nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt, sodass die Heilungschancen sinken. Auch am Kieler Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel beobachten die Mediziner diese Entwicklung mit Sorge. Im Gespräch erzählt Prof. Claudia Baldus, Direktorin der Klinik für Innere Medizin II – Hämatologie und Onkologie, von ihren Erfahrungen und Wünschen.

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Frau Prof. Baldus, die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) hat im Frühjahrs-Lockdown 2020 bayernweit einen durchschnittlichen Screening-Rückgang bei der Krebsvorsorge von 30 Prozent ermittelt. Spitzenreiter war dabei das Mammografie-Screening. 44 Prozent weniger Frauen ließen sich untersuchen. Sind die Zahlen in Schleswig-Holstein ähnlich drastisch?

Wir haben noch keine genauen Zahlen für den Norden. Aber ich denke, diese Entwicklung ist im gesamten Bundesgebiet gleich. Viele Patienten haben Kontakte gemieden, sind nicht zum Arzt gegangen, aus Sorge, sich dort vielleicht anzustecken. Wir haben versucht, mit Telefonberatungen auf diese Entwicklung zu reagieren. Aber es ist schon sehr erschreckend und bedauerlich, dass aus der Angst vor einer möglichen Ansteckung die Vorsorgeangebote nicht wahrgenommen werden.

Sehen Sie am UKSH Fälle, bei denen Sie denken: Wäre der Patient, die Patientin bloß eher gekommen?

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Leider ja. Wir haben Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium gesehen. Zum Glück sind das Einzelfälle. Aber das Thema ist hochrelevant. Deswegen kann ich nur den Appell an alle formulieren: Stellen Sie sich mit Symptomen unbedingt in der Klinik vor! Gehen Sie zur Krebsvorsorge! Wir stehen unabhängig von Corona in vollem Umfang parat.

Onkologie am UKSH arbeitet weiter normal – auch wenn der restliche Normalbetrieb für Corona heruntergefahren wird

Bundesweit erhalten 1400 Menschen jeden Tag die Diagnose Krebs. Wie ist die Lage gerade am UKSH? Werden alle Krebspatienten gut versorgt oder werden nur lebensbedrohliche Diagnosen behandelt?

Viele haben bestimmt in der Zeitung gelesen, dass das UKSH den Normalbetrieb um 25 Prozent reduziert, um auf die schweren Corona-Fälle vorbereitet zu sein. Es geht jetzt darum, Intensivkapazitäten vorzuhalten. Darum, Personal zu mobilisieren. Aber das geschieht mit gesundem Augenmaß. Wir in der Onkologie sind davon ausgenommen. Denn die Reduzierungen betreffen nur die elektiven Untersuchungen und Behandlungen. Also das, was nicht unbedingt sein muss.

Deshalb kommt hier noch einmal die klare Ansage: Bei der Krebsbehandlung wird es keine Reduzierung geben. Es gab auch während der zweiten und dritten Welle eine umfassende Versorgung auf unseren Stationen. Wir sind unabhängig von der Pandemie in vollem Umfang für unsere Patientinnen und Patienten da. Ein neues Hüftgelenk kann man vielleicht ein halbes Jahr später einbauen. Krebs kann man nicht aufschieben. Da muss sofort gehandelt und behandelt werden.

Können Sie schon mögliche Langzeitfolgen absehen, weil viele Menschen nicht zur Vorsorgeuntersuchung gehen?

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Dafür bräuchten wir erst einmal Langzeitdaten, um das wirkliche Ausmaß quantifizierten zu können. Aber die Erhebung der DAK, dass die Krebsvorsorge um 30 Prozent zurückgegangen ist, ist sehr realistisch. Das könnte uns in zwei, drei Jahren auf die Füße fallen. Das macht mir große Sorgen. Denn es wäre vermeidbar gewesen, wenn denn die Patienten im frühzeitigen Stadion zu uns gekommen wären.

Welche Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs stehen uns eigentlich zu?

Die Krebsfrüherkennung in Deutschland umfasst fünf Bereiche. Da ist als erstes der Brustkrebs. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine klinische Untersuchung der Brust ab 30 Jahren und ein Mammographie-Screening ab 50 Jahren. Die Darmkrebs-Vorsorge steht Menschen ab 50 Jahren zu, die Vorsorge für Gebärmutterhalskrebs ist ab 20 Jahren möglich, Hautkrebs-Vorsorge ab 35 Jahren, und die Prostatakrebs-Früherkennung kann ab 45 Jahren in Anspruch genommen werden.

Krebsvorsorge: Aufklärung ist wichtig

Wie könnte man die Menschen wachrütteln und dafür werben, dass sie zur Krebsvorsorge gehen?

Ja, das ist eine gute Frage. Wie schafft man das? Ich denke mit Informationen, Kampagnen, mit Aufklärung. Aber da hinken wir immer noch hinterher. Das muss noch verbessert werden. Es ist schließlich ein freiwilliges Angebot mit hoher Sinnhaftigkeit. Da kann man immer nur für werben. Vermutlich ist das mit einem Aufruf nicht getan. Sondern man muss immer wieder werben.

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Mit persönlichen Anschreiben, mit unkomplizierten Angeboten. Die Aufklärung ist in diesem Bereich so wichtig. Zum Glück macht die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft auf diesem Gebiet schon eine Menge.

So können Sie spenden

Der Verein KN hilft ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Spendenkonto – Stichwort Gutes tun im Advent – bei der Förde Sparkasse eingerichtet: DE 05 2105 0170 1400 2620 00. Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck „kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse. Alle Spenden, die bis Ende des Jahres für „Gutes tun im Advent“ auf dem Konto eingehen, werden an die Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein überwiesen. Damit werden zusätzliche Hilfen für von Krebs betroffene Familien finanziert.

Was halten Sie von der Werbeaktion der AOK? Unter dem Titel „Deutschland, wir müssen über Gesundheit reden“ hat die Krankenkasse jüngst mit TV-Spots und Anzeigen versucht, die Aufmerksamkeit für das Thema Krebs-Früherkennung zu erhöhen. Ist das in Ihren Augen ein guter Weg, um die Menschen zu erreichen?

Ich glaube, es braucht einen Mix von verschiedenen Werbekampagnen. Da zählt: je mehr, desto besser. Deshalb kann ich die AOK-Kampagne nur unterstützen.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Dass wir wieder „back to normal“ sind. Leider überdeckt die Pandemie auch die Arbeit in der Onkologie in Form von vielen Vorgaben, Testungen und Sorgfaltspflichten. Ich hoffe, dass wir irgendwann wieder ausschließlich die eigentliche Arbeit im Blick haben können. Unsere Patientinnen und Patienten sind alle immungeschwächt. Trotz Impfung sind sie sehr vorsichtig. Das führt zur Einschränkung der Lebensqualität.

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Viele trauen sich kaum noch aus dem Haus. Deshalb hoffe ich, dass wir die Freiheit für uns alle zurückgewinnen. Das ist nur durch Schutz des Umfeldes zu lösen. Jeder muss sich impfen lassen. Bei ganz vielen scheint das noch nicht angekommen zu sein: Es geht nicht nur um einen selber, sondern auch um die Mitmenschen und davon sind viele gerade in einer sehr schwierigen Situation. Es gibt nicht nur Corona.

Interview: Kristiane Backheuer

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