Fifa verbietet „One Love“

Ist Manuel Neuer jetzt kein Vorbild mehr? Das Drama um die WM-Binde – einfach erklärt

Von der Fifa verboten: „One Love“-Kapitänsbinde am Arm des deutschen Nationaltorhüters Manuel Neuer.

Von der Fifa verboten: „One Love“-Kapitänsbinde am Arm des deutschen Nationaltorhüters Manuel Neuer.

Im Sommer vor einem Jahr hat Manuel Neuer, der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ein Interview gegeben. „Wir sind für viele Kinder und Jugendliche Vorbilder“, sagte der Torhüter damals. „Und ich denke, dass wir da gerade ein positives Bild abgeben.“ Damit hatte er recht. Denn er trug seit wenigen Wochen eine regenbogenbunte Spielführerbinde um seinen Arm, ein fröhliches Symbol für Toleranz, Vielfalt und Freiheit. Neuer freute sich über die vielen positiven Reaktionen auf seine Binde. Viele Menschen fanden es gut, dass die Sportler als wichtige Vorbilder auch öffentlich zeigten, dass ihnen Menschenrechte, Gerechtigkeit und Weltoffenheit wichtig sind.

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„Wir möchten der Nationalmannschaft ein Gesicht geben und den Menschen zeigen, dass es außerhalb des Fußballs wichtige Dinge gibt, auf die wir hinweisen und hinter denen wir stehen“, sagte Neuer. Denn die Nationalmannschaft ist ja nicht bloß ein Fußballteam, sie ist auch ein Symbol für die gemeinsamen Werte dieses Landes. Deshalb schimpft Hansi Flick besonders streng, wenn ein Nationalspieler sich mal danebenbenimmt.

Darum geht es beim Bindendrama

Gut anderthalb Jahre nach seinem Interview, bei der gerade laufenden Weltmeisterschaft in Katar, wird Manuel Neuer keine Regenbogenbinde tragen. Warum? Der Grund ist ein bisschen traurig: Die Binde hat große Symbolkraft, und in manchen Ländern versteht man den bunten Regenbogen tatsächlich als Provokation, also als Angriff auf die dortige Lebensweise. Im WM-Gastgeberland Katar ist vieles von dem, was die Binde repräsentiert, staatlich verboten: Homosexuelle werden ins Gefängnis gesteckt, Meinungsfreiheit gibt es nicht, Menschenrechte gelten nicht für alle Menschen, Frauen dürfen erst seit 1998 überhaupt ein Fußballstadion betreten, und wer den Herrscher kritisiert, wird bestraft – sogar, wenn er recht hat. Das ist nicht leicht zu verstehen, denn Menschenrechte müssten eigentlich für alle Menschen gelten. Deshalb heißen sie ja Menschenrechte. In vielen Ländern der Erde jedoch ist das nicht der Fall.

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Kritik aus Europa: Auch Englands Kapitän Harry Kane wollte sich an der Bindenaktion beteiligen – hier stellen sich die Mannschaften von England und dem Iran auf.

Kritik aus Europa: Auch Englands Kapitän Harry Kane wollte sich an der Bindenaktion beteiligen – hier stellen sich die Mannschaften von England und dem Iran auf.

Das ist der Hintergrund

Viele finden deshalb, der Weltfußballverband Fifa hätte diese WM niemals nach Katar vergeben dürfen. Warum er es im Jahr 2010 trotzdem getan hat, ist schnell erklärt: Die Fifa-Mitglieder, die damals darüber zu entscheiden hatten, waren bestechlich. Manche von ihnen sitzen deshalb heute im Gefängnis. Katar hat ihnen heimlich viel Geld dafür bezahlt, dass die WM in dem winzigen Land stattfindet. Das war den Kataris enorm wichtig, denn sie wünschen sich, dass ihr Land in der ganzen Welt bekannt wird. Trotz der Betrügereien wurde die Entscheidung für die WM in Katar aber nicht rückgängig gemacht. Fifa-Präsident Gianni Infantino und die Kataris sind ziemlich beste Freunde – er wohnt inzwischen sogar in der Hauptstadt Doha. Man kann sich das kaum vorstellen, aber für Infantino sind die Menschenrechte nicht so wichtig. Für ihn ist es wichtiger, dass niemand die Kataris verärgert – zum Beispiel mit einer Regenbogenbinde oder mit Kritik an der Situation der Bauarbeiter auf den WM-Baustellen. Beim Bau der WM-Infrastruktur in Katar sind Tausende von Menschen ums Leben gekommen. Infantino dagegen behauptet, es seien insgesamt nur drei gewesen. Expertinnen und Experten können darüber nur den Kopf schütteln.

Das plante die Nationalmannschaft

Mehrere europäische Fußballverbände haben verabredet, dass ihre Nationalmannschaftskapitäne bei der WM dann wenigstens mit einer etwas abgeschwächten Version der Binde auflaufen sollten, darunter auch der Deutsche Fußball-Bund. Diese Binde war auch bunt – aber nicht in Regenbogenfarben. Darauf stand: „One Love“ – „eine Liebe“, dazu war ein Herz zu sehen. Das sollte bedeuten, dass die Liebe zwar viele Formen haben kann, im Kern aber überall und immer dasselbe ausdrückt: das Gefühl nämlich, dass sich Menschen stark zueinander hingezogen fühlen. Neben Deutschland wollten England, Wales, die Niederlande, die Schweiz, Dänemark und Belgien an der Aktion teilnehmen.

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Viele Menschen kritisierten, dass diese europäischen Teams nicht mit der Regenbogenbinde auflaufen wollten, sondern nur mit dieser etwas unentschlossenen Version. Das erschien ziemlich feige. Doch selbst diese „One Love“-Binde war der Fifa zu viel: Kurz vor dem ersten Spiel der Engländer, deren Kapitän Harry Kane ebenfalls eine „One Love“-Binde tragen wollte, teilte der Verband mit, dass solche Zeichen im Stadion gänzlich verboten seien. Manche sagen, dass die Fifa mit dieser Entscheidung absichtlich bis zum ersten Spiel gewartet hat, statt sich früher darum zu kümmern, um die Mannschaften unter Druck zu setzen. Und die Fifa bedrohte die Teams aus Europa sogar: Wenn sie eine solche Binde tragen würden, müssten sie mit ernsthaften Folgen rechnen. Die Fifa behauptet, Politik habe in den Stadien nichts zu suchen. Das ist aber ziemlich verlogen. Denn im Grunde ist die gesamte WM in Katar eine ziemlich politische Veranstaltung. Das bedeutet: Es geht bei Weitem nicht nur um Fußball, sondern um viel mehr: Geld, Einfluss, Tourismus, Wirtschaft, Werbung.

Sind der Fifa Menschenrechte egal?

Wie kann man überhaupt gegen die Regenbogenbinde sein? Und sogar gegen die „One Love“-Binde? Steht die Fifa nicht selbst für Toleranz und Vielfalt? Hieß es während der Eröffnungsfeier der WM in der katarischen Hauptstadt Doha nicht permanent, „Respekt, Toleranz und Diversität“ seien enorm wichtig, und bei einer WM gehe es darum, „voneinander zu lernen und Schönheit in unseren Unterschieden zu erkennen“? In Wahrheit jedoch war das alles ziemliche Heuchelei. Das „Katar“, von dem während der Eröffnungsfeier die Rede war, war eine geschönte Version des echten Katars, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hatte. Umgekehrt muss man aber auch sagen, dass Deutschland zwar viel Kritik an Katar übt, gleichzeitig aber mit den Kataris Geschäfte macht und viel von deren Gas kaufen möchte. Manche nennen das bigott, also scheinfromm oder heuchlerisch. Trotzdem ist Kritik aber natürlich zulässig und notwendig.

Die Fifa behauptet gern, dass Menschenrechte ihr wichtig seien. Sie hat sogar in ihren Regeln festgelegt, dass sie sich „zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte bekennt“ und sich „für den Schutz dieser Rechte einsetzt“. Infantino erklärt bei jeder Gelegenheit, dass der Fußball die Menschen zusammenbringe und alle in Katar willkommen seien. In Wahrheit aber sagt er das nur, weil es von ihm erwartet wird. In einer sehr seltsamen Pressekonferenz kurz vor der WM hat er verraten, was ihm in Wahrheit wichtig ist: dass jetzt bitte keiner mehr über Katar schimpft und alle sich auf den Fußball freuen sollen.

So erpresste die Fifa einige Mannschaften

Wie genau die Strafe für das Tragen der „One Love“-Binde aussehen würde, sagte die Fifa nicht. Eine Geldstrafe hätte das deutsche Team noch akzeptiert, aber eine sportliche Strafe wie zum Beispiel eine Gelbe Karte für den Bindenträger oder sogar einen Punktabzug für die ganze Mannschaft wollte man nicht riskieren. Das nennt man Erpressung. „Wir wurden massiv von der Fifa bedroht“, sagte der deutsche DFB-Pressesprecher Steffen Simon. Der DFB-Präsident Bernd Neuendorf nennt das Ganze eine „Machtdemonstration“. Deshalb knickte der DFB ein – und Manuel Neuer trägt nun gar keine Binde. Obwohl das Team weiterhin sagt, die Werte, für die die Binde steht, seien wichtig.

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Versuch einer Erklärung: Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes hat das Fifa-Verbot für die „One Love“-Kapitänsbinde von Manuel Neuer scharf kritisiert.

Versuch einer Erklärung: Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes hat das Fifa-Verbot für die „One Love“-Kapitänsbinde von Manuel Neuer scharf kritisiert.

Ist die Nationalmannschaft feige?

Trotzdem sind sehr viele Menschen jetzt nicht mehr nur enttäuscht von der Fifa, sondern auch vom DFB. Sie meinen, die Deutschen hätten auch eine sportliche Strafe durch die Fifa riskieren müssen. Ihnen erscheint es feige, die Binde nicht zu tragen und vor der Fifa zu kuschen. In manchen Umfragen sagen die Zuschauerinnen und Zuschauer sogar, die Nationalmannschaft und die anderen europäischen Teams sollten am besten sofort ihre Koffer packen und abreisen – dann würden die Kataris und die Fifa schon sehen, was eine WM ohne traditionsreiche Fußballnationen wie England, die Niederlande, Belgien oder auch Deutschland wert wäre: nicht mehr so viel. Ohnehin ist der Zorn über dieses Turnier so groß, dass viel weniger Menschen als sonst die WM-Spiele im Fernsehen angucken. Fifa-Chef Infantino ist die Wut in Europa aber egal, denn er hat die Unterstützung von vielen Ländern in Afrika und Asien, die ihn auch mehrheitlich zum Präsidenten gewählt haben. Der DFB will nun gegen die Fifa vor Gericht ziehen, um das Bindendrama zu klären.

Es ist aber nicht leicht für den DFB, sich mit der Fifa dauerhaft zu zerstreiten. Denn es geht auch für ihn um viel Geld. Wenn die Fifa Deutschland aus dem Turnier ausschließen würde, könnte das schnell Strafzahlungen im zweistelligen Millionenbereich nach sich ziehen. In den Wettbewerbsregularien steht auch, dass Mannschaften bei Verstößen sogar von kommenden Fifa-Weltmeisterschaften ausgeschlossen werden könnten. Dem DFB entginge dann wiederum sehr viel Geld, das zum großen Teil auch Amateurvereinen zugutekommen würde. Außerdem bewirbt sich Deutschland gerade mit den Niederlanden und Belgien um die Ausrichtung der Fifa-Frauen-WM 2026. Es ist und bleibt also Erpressung durch die Fifa.

Hymne aus Protest nicht mitgesungen: Nationalmannschaft des Iran.

Hymne aus Protest nicht mitgesungen: Nationalmannschaft des Iran.

Andere waren viel mutiger als die Deutschen

Der DFB steckt jetzt in einer Zwickmühle: Wenn er auf die Binde verzichtet, muss er sich vorwerfen lassen, dass ihm sportlicher Erfolg und eine zufriedene Fifa wichtiger sind als gesellschaftliches Engagement. Schon jetzt hat er massiv an Respekt und Ansehen bei den meisten deutschen Zuschauerinnen und Zuschauern verloren. Wenn er die Binde trotz des Verbotes verwendet, riskiert er eine Strafe. Viele sind aber der Ansicht, dass diese Strafe es wert wäre, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Denn andere Spieler waren bei der WM schon viel mutiger: Die iranischen Nationalspieler haben während des Abspielens ihrer Nationalhymne nicht mitgesungen, um damit ihre Unterstützung für ihre Landsleute zu zeigen, die in diesen Wochen im Iran gegen das dortige, brutale Regime für mehr Freiheit auf die Straße gehen. Das war sehr mutig von den Iranern, denn sie wussten nicht genau, ob ihnen nach ihrer Rückkehr eine Strafe durch den Staat drohen würde, die viel schlimmer sein könnte als eine Gelbe Karte oder ein Punktabzug durch die Fifa.

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„Wir sind für viele Kinder und Jugendliche Vorbilder“: Nationaltorhüter Manuel Neuer.

„Wir sind für viele Kinder und Jugendliche Vorbilder“: Nationaltorhüter Manuel Neuer.

Ist Manuel Neuer also jetzt kein Vorbild mehr?

Das kann man so nicht sagen. Neuer ist ja nicht allein verantwortlich für die Entscheidung. Und die Binde nicht zu tragen bedeutet nicht, dass Neuer und seine Kollegen jetzt für Diskriminierung sind. Die Nationalspieler erheben insgesamt viel öfter als früher die Stimme, wenn es um gesellschaftliche Missstände geht. So kam es vor einem Jahr im Länderspiel gegen Ungarn zu einer eindrucksvollen Szene, als Leon Goretzka vor dem ungarischen Fanblock die Hände zum Herzzeichen formte, um für Toleranz zu werben. Trotzdem ist das Image der Nationalspieler durch die Bindenaffäre beschädigt. Ihr früherer Nationalmannschaftskollege Thomas Hitzlsperger sagte, es werde nun „eine Zeit dauern, bis die Spieler wieder glaubwürdig für diese Werte einstehen können“.

Es ist ein bisschen widersprüchlich: Der Fußball selbst ist ein total einfaches Spiel mit klaren Regeln, das jeder schnell versteht. 22 Männer, zwei Tore, ein Platz, ein Ball. Das Geschäft um den Fußball herum aber, also alles, was geschäftlich, gesellschaftlich und kulturell noch eine Rolle spielt bei so einer Weltmeisterschaft, ist ziemlich kompliziert und sehr schwer zu verstehen. Der größte Schurke in diesem Spiel ist nicht der DFB, sondern die Fifa. Deshalb können die deutschen Nationalspieler wie Manuel Neuer, Thomas Müller oder Antonio Rüdiger trotzdem noch Vorbilder sein. Und sicher sind ihnen Menschenrechte und Werte wie Toleranz und Vielfalt auch weiterhin extrem wichtig – auch wenn sie im Drama um die bunte Binde keine gute Figur abgeben.

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