Betrugsskandal

Psychokrieg und Analkugeln: Das Schach-Beben um Hans Niemann reicht bis nach Kiel

Zuweilen kauziges Auftreten: Großmeister Hans Moke Niemann bei den US-Meisterschaften in Saint Louis.

Zuweilen kauziges Auftreten: Großmeister Hans Moke Niemann bei den US-Meisterschaften in Saint Louis.

Saint Louis/Kiel. Die Schachwelt wird von einem Betrugsskandal erschüttert, der für ein vortreffliches Drehbuch einer Netflix-Serie taugte. Die Schockwellen dieser Affäre reichen bis nach Kiel. Auf der einen Seite steht Weltmeister Magnus Carlsen. Auf der anderen Seite der US-amerikanische Großmeister Hans Moke Niemann. Der steht im Kader des Bundesligisten SK Doppelbauer Kiel.

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„The Queen’s Gambit“ – von der Realität überholt

Vor genau zwei Jahren hob die Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“ den Schachsport auf ein neues Popularitäts-Niveau. Und jetzt – aufgepasst! – kommt die Realität. Doch von vorne: Anfang September traf Niemann beim Sinquefield Cup in Saint Louis/Missouri zum ersten Mal auf Champion Carlsen. Der Norweger amtiert seit 2013 als Weltmeister, verteidigte seinen Titel viermal. Der 31-Jährige spielte mit Weiß – und Niemann gewann in 57 Zügen. Carlsen stieg erstmals in seiner Karriere aus einem Turnier aus, was die Szene als Betrugsvorwurf deutete. Der Weltmeister verlor sich in Andeutungen, gab daraufhin bei einem folgenden Online-Turnier die Partie gegen Shootingstar Niemann wort- und kampflos auf.

Hans Niemann hat zweimaligen Betrug als Teenager eingestanden

Er habe, gestand Niemann in einem Interview ein, einmal mit zwölf und einmal mit 16 Jahren bei Online-Partien betrogen, jedoch niemals in Präsenz am Brett. Und genau das behauptet Carlsen nun. Von Morsecodes, die Niemann über vibrierende Analkugeln übertragen worden sein sollen, war plötzlich die Rede. Also etwa so: In Niemanns Po, oder besser Darm, vibriert ein Code, der sagt: Läufer nach e3. Ein Untersuchungsbericht des Portals „Chess.com“ legte Anfang Oktober nahe, Niemann habe wahrscheinlich in mehr als 100 Online-Partien betrogen, darunter auch in Preisgeldturnieren.

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Beim Sinquefield Cup im September spielte Hans Moke Niemann (rechts) mit Schwarz gegen Weltmeister Magnus Carlsen und gewann in 57 Zügen.

Beim Sinquefield Cup im September spielte Hans Moke Niemann (rechts) mit Schwarz gegen Weltmeister Magnus Carlsen und gewann in 57 Zügen.

Am Donnerstag vergangener Woche reichte Niemann nun bei einem Bundesgericht im US-Bundesstaat Missouri eine Verleumdungsklage gegen Carlsen, gegen dessen Unternehmen „Play Magnus“ und die beiden US-Schachspieler Hikaru Nakamura und Danny Rensch ein und fordert jeweils 100 Millionen US-Dollar (rund 102 Millionen Euro) Schadensersatz. Niemann sagt: „Er hat mein Leben ruiniert“ und weist alle Vorwürfe als „verleumderisch“ zurück. Man habe sich gegen ihn verbündet, um seinen Ruf zu zerstören. Pikant: „Chess.com“ steht kurz davor, die „Play Magnus Group“ für 82,9 Millionen US-Dollar zu schlucken.

Alles nur eine Privatfehde zwischen einem eitlen Weltmeister und einem offensichtlich etwas großmäuligen Emporkömmling? „Chess.com“ wies alle Vorwürfe in US-Medien ebenso zurück wie Carlsens Anwälte. Beim Bundesliga-Auftakt am Wochenende in Kiel fehlte Niemann, der bis Donnerstag noch bei den US-Meisterschaften in Saint Louis gespielt hatte und nach 13 Runden Fünfter wurde (den Titel holte sich Fabiano Caruana). Allgegenwärtig war sein Name im Casino der Stadtwerke Kiel dennoch. „Für Hans gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Wir verurteilen die Art und Weise, wie Carlsen und Co. öffentlich Stimmung gegen Hans gemacht haben, scharf“, sagte Doppelbauer-Teamkapitän Wolfgang Pajeken.

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Doch warum zieht es einen wie den nach kritisch beäugten Leistungsschüben auf Platz 40 der Welt emporgeschossenen Niemann, der ganz unverblümt auf den Schach-Olymp schielt, an die Kieler Förde zu einem Bundesligisten mit einem Jahresetat von maximal 70 000 Euro und nicht wie seinen Landsmann Caruana zum Liga-Krösus OSG Baden-Baden mit dem Fünffachen als Budget? „Wir garantieren ihm an den Spitzenbrettern starke Gegner. Und er mag unser junges Team, da er viele Spieler schon von den Jugendweltmeisterschaften kennt“, so Pajeken weiter. Wenn Niemann also in Europa ist und es der Terminkalender zwischen Turnieren hergibt, sitzt er für Doppelbauer am Brett – in der vergangenen Saison, die der SK sensationell als Fünfter abschloss, in sieben Partien (zwei Siege, vier Remis, eine Niederlage).

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Mit hungrigen Youngsters wie dem 18-jährigen Dänen Jonas Bjerre will sich Doppelbauer in der Liga etablieren, will kurzfristig mit drei Teams in der ersten, zweiten und dritten Liga sowie in der Jugendbundesliga vertreten sein. „Der Teamspirit ist bei uns wichtig, es müssen eben auch nette Jungs sein“, sagt Hauptsponsor und Manager Ralph Junge, der sich vor Niemann stellt: „Er ist unser Spieler, und es gilt die Unschuldsvermutung.“.

Junge: „Für Hans Niemann gilt die Unschuldsvermutung“

„Wenn Baden-Baden und Solingen der FC Bayern und Borussia Dortmund des Schachs sind, sind wir der SC Freiburg – der Stachel, der den Großen ab und zu wehtut“, beschreibt der SK-Vorsitzende Sebastian Buchholz das königliche Kieler Konzept. In das Hans Moke Niemann perfekt hineinpasst. Er leide, sagt Junge, „nicht an geringem Selbstbewusstsein“. Vergleiche zum ebenso genialen wie exzentrischen, in späteren Jahren bis zu seinem Tod entrückten Ex-Weltmeister Bobby Fischer werden laut. Zuweilen mutet Niemanns Auftreten kauzig an. Buchholz lacht: „Er ist eben sehr fokussiert.“

Ob Niemann nun betrogen hat oder nicht, könnten Gerichte klären. Es wird um Morsecodes und vibrierende Analkugeln gehen. Um Partien, in denen ausgeklügelte Programme im Nachgang errechnen können, ob Schachcomputer zu Rate gezogen wurden. Es geht aber auch um einen Weltmeister, der der Titelverteidigung zwar müde ist, aber dennoch von der Elo-Schallmauer 2900 träumt. Um Eitelkeiten und Großspurigkeit, um Psychokrieg und Strategien. Und um 400 Millionen US-Dollar. Irgendwie ist Schach eben doch sexy. Das dürfte auch den Drehbuch-Schreibern bei Netflix nicht entgangen sein.

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