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GESUNDHEITSWESEN AKTUELL

Rheumatische Erkrankungen in höherem Lebensalter?

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Prof. J. Holle und Prof. F. Moosig sind im Privatärztlichen Zentrum Kiel sowie dem Rheumazentrum Schleswig-Holstein Mitte aktiv. Beide sind auf die Diagnose und Behandlung rheumatischer Erkrankungen spezialisiert. FOTOS: WWW.STEVENHABERLAND.COM

Die verbreitete Annahme, rheumatische Erkrankungen beträfen überwiegen alte Menschen, ist ebenso langlebig wie falsch. Die meisten rheumatischen Erkrankungen beginnen im mittleren Lebensalter. Das klassische Gelenkrheuma, die rheumatoide Arthritis tritt im Mittel um das 40 Lebensjahr auf. Dabei ist die Streuung breit: Auch Kinder können bereits betroffen sein. Das ist zum Glück nur selten der Fall.

Die Rheumatologie behandelt demnach, besonders im Vergleich zu anderen internistischen Disziplinen, eher junge Patienten. Auf die Behandler selbst trifft dies, nebenbei bemerkt, wegen des fehlenden Fachärztenachwuchses eher nicht mehr zu.

Aber gibt es dennoch rheumatische Erkrankungen, die besonders in höherem Lebensalter auftreten? Dies ist tatsächlich der Fall. Drei Beispiele:

Prof. F. Moosig

Polymyalgia rheumatica

Die Polymyalgia rheumatica, kurz PMR, ist durch starke Schmerzen des Schulter- und Beckengürtels gekennzeichnet. Diese sind oft nächtlich und morgendlich betont und bessern sich, mehr oder weniger, im Tagesverlauf. Oft besteht eine morgendlich ausgeprägte Steifigkeit. Die Schmerzhaftigkeit kann so stark werden, dass die Patienten praktisch immobil sind. Die Ursache ist nicht in erster Linie eine Entzündung der Gelenke selbst, sondern viel mehr verschiedener gelenknaher Schleimbeutel. Nach Definition tritt die PMR ab dem 50 Lebensjahr auf. Tatsächlich sind die Patienten bei Beginn der Erkrankung aber fast immer sehr viel älter. Bei typischer Ausprägung in Verbindung mit stark erhöhten Entzündungszeichen im Blut stellt die Diagnose keine große Herausforderung dar. Nicht selten sind die Symptome aber nicht lehrbuchhaft, sehr selten können auch die Anzeichen im Blut fehlen. In diesen Fällen müssen andere diagnostische Möglichkeiten berücksichtigt werden. Von besonderem Nutzen ist dann die Ultraschalldiagnostik (=Sonographie), da die PMR hierin einige charakteristische Merkmale aufweist. Die PMR spricht gut auf eine Glukokortikoid-Stoßtherapie (,,Kortisonstoß") an. Gerade wegen des höheren Alters der Patienten liegen aber oft weitere Krankheiten vor, die eine „Kortison”-Therapie erschweren. Hier ist das Risiko für unterwünschte Wirkungen höher, sodass auch andere Therapieformen benötigt werden können. Spätestens solche komplizierteren Fälle sollten durch den internistischen Rheumatologen behandelt werden.

Riesenzellarteriitis

Bei bis zu jedem fünften PMR-Patienten verbirgt sich eine weitere, deutlich bedrohlichere Erkrankung hinter den Symptomen. Bei der Riesenzellarteriitis (kurz RZA) kommt es zu einer Entzündung großer Schlagadern. Dies kann sich am Kopf abspielen, was dann als Kopfschmerz, meist betont an den Schläfen, Schmerzen beim Kauen, Sprechen oder Kämmen, in gravierenderen Fällen als Sehstörung auffällt. Ist eine solche „Kopfklinik” in Verbindung mit einer PMR vorhanden, so liegt die Verdachtsdiagnose einer RZA auf der Hand. Schwieriger zu erkennen ist die RZA, wenn sie sich nur an der Hauptschlagader (Aorta) und den hiervon abgehenden großen Arterien abspielt. Spätestens wenn eine PMR nicht ausreichend auf „Kortison” anspricht, muss an eine RZA gedacht werden. Auch für diese Diagnose ist der Ultraschall sehr nützlich, muss aber oft um weitere Technik, wie die Magnetresonsanztomographie (MRT), ergänzt werden. Die Therapie der RZA ist aggressiver und beinhaltet u.U. auch gezielte Antikörpermedikamente, sogenannte Biologika.

Rheumatoide Arthritis des älteren Menschen

Die RZA ist nicht die einzige Komplikation der PMR. Auch ein klassisches Gelenkrheuma, die rheumatoide Arthritis, sofern sie sich erst im höheren Lebensalter zeigt, kann wie eine PMR beginnen. Bei diesen Patienten treten zusätzlich zu den Muskelbeschwerden Schwellungen und Schmerzen in den Gelenken, bevorzugt den Hand- und Fingergelenken auf. 

Neben der körperlichen Untersuchung ist auch hier die Untraschalldiagnostik von besonderer Bedeutung und sehr hilfreich. Für die Behandlung ist eine alleinige „Kortison”-Therapie unzureichend. Es steht eine breite Palette an Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Die richtige Therapie wird der Rheumatologen individuell mit dem Patienten auswählen.