Besserung erst 2024 erwartet

Konjunkturforscher immer pessimistischer: Die Rezession kommt, und die Inflation steigt

Dunkle Zeiten könnten auf Deutschlands Wirtschaft zukommen. Forscher erwarten eine Rezession.

Dunkle Zeiten könnten auf Deutschlands Wirtschaft zukommen. Forscher erwarten eine Rezession.

Hannover. Immer deutlicher zeichnet sich ab, wie hart die Folgen des Kriegs in der Ukraine die hiesige Konjunktur treffen: Die vier führenden Forschungsinstitute haben ihre Prognose am Donnerstag deutlich nach unten korrigiert und sehen nun eine Rezession heraufziehen. Gleichzeitig berichtete das Statistische Bundesamt von einem weiteren Inflationsanstieg im September. Die Jahresrate ist jetzt zweistellig.

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Waren und Dienstleistungen waren im September durchschnittlich 10 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Im August hatte die Inflationsrate noch bei 7,9 Prozent gelegen. Ein Anstieg war erwartet worden, der Wegfall von Tankrabatt und 9‑Euro-Ticket zu Monatsbeginn führten zwangsläufig zu einem Anstieg der Verbraucherpreise. Wie in den Vormonaten zogen nach Angaben der Statistiker die Preise für Energie und Lebensmittel besonders an.

Gestiegen sind die Energiekosten vor allem, weil Gasimporte sich deutlich verteuert haben und sowohl in Fabriken als auch in der Energieerzeugung immer höhere Kosten anfallen. Das drückt auch zunehmend auf die Konjunktur. Die Prognose, an der das Münchner Ifo-Institut, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Haller Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sowie das Essener RWI beteiligt sind, sagt für dieses Jahr nur noch 1,4 Prozent Wirtschaftswachstum voraus. Damit haben sie ihre bisherige Schätzung halbiert. Für 2023 wird sie gar von 3,1 Prozent Wachstum auf 0,4 Prozent Schrumpfung gesenkt.

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„Der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierende Krise auf den Energiemärkten führen zu einem spürbaren Einbruch der deutschen Wirtschaft“, sagte RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt. Für 2022 rechnen die Fachleute außerdem damit, dass sich die Inflation auf einen Jahresschnitt von 8,4 Prozent zubewegt. In diesem Tempo könnte es weitergehen: 2023 könnten die Preise dem Gutachten zufolge um weitere 8,8 Prozent steigen.

Die Prognose ist zwar düster, aber auch nicht dramatischer als die anderer Expertinnen und Experten: Die OECD etwa hatte am Montag ihre bisherigen Schätzungen kassiert. Sie erwartet nun, dass die hiesige Wirtschaft 2023 um 0,7 Prozent schrumpft. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) prognostizierte am Dienstag 1,6 Prozent Wachstum in diesem Jahr und ein Minus von ein Prozent im kommenden Jahr.

Die Pläne für eine Gaspreisbremse, die kurz nach dem Auftritt der Gutachter präsentiert wurden, sind in diesen Voraussagen noch nicht berücksichtigt. Ihre Wirkung auf die Inflation ist unsicher. Einige Experten fürchten, dass die allgemeine Preissteigerung dadurch sogar noch angeheizt wird. Allerdings macht die Entlastung, für die bis zu 200 Milliarden Euro eingeplant werden, den Unternehmen das Leben leichter.

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Viele energieintensive Unternehmen berichteten, nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren zu können, sagte Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Wenn das so bleibt, werden sie Standorte schließen oder ins Ausland verlagern müssen“, warnte Kirchdörfer. Benötigt würden deshalb Hilfen für Menschen mit geringen Einkommen und energieintensive Unternehmen.

Den Forschungsinstituten zufolge haben viele Unternehmen allerdings noch Reserven, anders als zahlreiche Privatpersonen. Schmidt sorgte sich denn auch um den Binnenkonsum, weil die hohen Preise für Energie und Lebensmittel deutliche Kaufkraftverluste mit sich bringen. „Sowohl einkommensschwache Haushalte als auch Unternehmen sind deshalb auf weitere Unterstützung der Politik angewiesen“, erklärte Schmidt. Es sei aber darauf zu achten, dass es nicht zu dauerhaften Subventionen für Unternehmen komme.

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Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer indes eine gute Nachricht ist, dass die Rezession etwas ungewöhnlich aussehen dürfte: Die hohe Inflation dürfte im kommenden Jahr zwar Reallohnverluste mit sich bringen, aber die Jobverluste werden sich nach Einschätzung der Gutachter in Grenzen halten. „Aufgrund des Personalmangels in vielen Branchen ist trotz der Wirtschaftskrise keine erhöhte Arbeitslosigkeit zu erwarten“, sagte Schmidt.

Schlimmstes Szenario Gasmangellage

Für 2024 zeichnet sich aus Sicht der Institute dann wieder ein Wachstum um 1,9 Prozent ab, die Inflation könnte auf 2,2 Prozent fallen. Voraussetzung sei allerdings, dass Deutschland nicht in eine wirkliche Gasmangellage gerate: Reicht der Brennstoff nicht mehr für alle, bricht die Wirtschaft nach Angaben der Fachleute 2023 um bis zu 7,9 Prozent und 2024 um bis zu 4,2 Prozent ein. Es wäre die wohl heftigste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik. Dass das geschieht, halten die Institute zwar für unwahrscheinlich, im Fall eines sehr kalten Winters und weiterer Engpässe bei den Importen aber nicht für ausgeschlossen.

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Energieeinsparungen seien deshalb das Gebot der Stunde. Am Donnerstag zeigte sich die Bundesnetzagentur allerdings ernüchtert: Der Gasverbrauch steige angesichts der Kälte in den vergangenen Tagen zu stark an, meldete die Behörde. Um gut über den Winter zu kommen, ist laut Netzagenturchef Klaus Müller deshalb neben den bereits geplanten Gasimporten auch eine weitere Reduzierung des Verbrauchs nötig: „Es muss Gas eingespart werden, auch wenn es zum Winter hin noch kälter wird. Da wird es auf jeden Einzelnen ankommen.“

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