„Business as usual“ ist keine Option

Krieg gegen Ukraine: Deutsche Firmen in Russland arbeiten im Krisenmodus

Der Landtechnikhersteller Claas hat seit 2005 über 120 Millionen Euro in sein Werk im russischen Krasnodar investiert. Die Absatzzahlen beim Tucano-Mähdrescher hatten sich seit Jahren positiv entwickelt.

Der Landtechnikhersteller Claas hat seit 2005 über 120 Millionen Euro in sein Werk im russischen Krasnodar investiert. Die Absatzzahlen beim Tucano-Mähdrescher hatten sich seit Jahren positiv entwickelt.

Berlin. Deutsche Unternehmen, die im Russland-Geschäft engagiert sind, solidarisieren sich seit Beginn der russischen Aggression mehrheitlich mit der Ukraine, befolgen die von der EU gegenüber Russland verhängten Sanktionen und versuchen, ihren Geschäftsbetrieb so gut es geht aufrechtzuerhalten. Das ergab eine Umfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) unter Firmen und Verbänden.

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Der Landmaschinenhersteller Claas aus Harsewinkel (Nordrhein-Westfalen) hat die Produktion in seinem Werk im südrussischen Krasnodar ausgesetzt. „Mit Blick auf die Lage sind derzeit keine Aussagen zur weiteren Entwicklung möglich“, sagte Claas-Unternehmenssprecher Wolfram Eberhardt dem RND. „Oberste Priorität hat im Moment die Sorge um unsere Mitarbeiter in der Ukraine“, betonte Eberhardt.

Neben den 800 Beschäftigten in Russland hat Claas auch 40 Angestellte in der Ukraine, die dort bislang im Vertrieb tätig waren. „Wir sind mit diesen Kolleginnen und Kollegen ständig in Kontakt und konnten bereits Evakuierungen aus dem Großraum Kiew in bislang weniger betroffene Landeteile umsetzen“, erläuterte Eberhardt.

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Claas hat seit 2015 in Krasnodar rund 120 Millionen Euro in sein Werk zur Herstellung von Mähdreschern investiert. Im vergangenen Jahr setzte der Landtechnikhersteller eine Erweiterungsinvestition von 12,6 Millionen Euro um. Zuletzt wurden in Krasnodar rund 1000 Mähdrescher pro Jahr gebaut.

„Jetzt müssen wir erst einmal sehen, was passiert“, sagte Eberhardt. Man sei auch im Falle der 700, direkt im Werk Krasnodar beschäftigten russischen Mitarbeiter bemüht, den Produktionsstopp „so sozial wie möglich“ zu gestalten. „Wir versuchen, die Menschen so gut wie möglich weiter zu beschäftigen“, so Eberhardt.

Deutsche Käse-Werke in Russland

Die DMK Deutsches Milchkontor GmbH (Bremen) betreibt in Russland zwei Käse-Werke in der Region Woronesch. Sie produzieren ausschließlich für den russischen Markt, die verarbeitete Milch kommt aus der russischen Landwirtschaft. „Die Käseprodukte gehen ausschließlich an Abnehmer des zivilen Marktes und tragen somit zur Versorgung der russischen Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln bei“, sagte DMK-Kommunikationschef Oliver Bartelt dem RND.

Der Krieg in der Ukraine sei eine absolute Tragödie, unter der vor allem die Zivilbevölkerung leide. Ein Abbruch der komplett autarken Produktion der DMK-Tochtergesellschaft in Russland würde niemandem helfen, aber vielen zusätzlich schaden, sagte Bartelt und betonte, die DMK-Gruppe habe Hilfslieferungen von Deutschland auf den Weg nach Polen gebracht, um dort ankommende ukrainische Flüchtlinge zu versorgen.

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Die DMK beschäftigt in Russland 500 Mitarbeiter. „Business as usual“ sei jedoch keine Option, sagte Bartelt. Man habe beschlossen, sich mit dem Russland-Geschäft „einzig auf unsere Rolle bei der Ernährung der russischen Bevölkerung zu konzentrieren“. „Alle etwaigen Gewinne aus unserem lokalen Russlandgeschäft werden wir bis auf Weiteres für humanitäre Zwecke verwenden“, betonte Bartelt. Der Anteil des Geschäfts in Russland beträgt etwa ein Prozent vom Gesamtumsatz bei DMK.

Die SAF-Holland SE aus dem bayrischen Bessenbach stellt Achsen für Lkw und Busse her und wollte eigentlich im 2. Quartal im Norden Moskaus ein 4000 Quadratmeter großes neues Werk mit 60 Arbeitsplätzen eröffnen. Das Projekt sei jetzt auf „on hold“ gesetzt, hieß es aus dem Unternehmen. Man beobachte die Situation und warte ab.

Eingestellte Geschäfte und heruntergefahrene Produktionen

„Die Unternehmen reagieren sehr unterschiedlich auf die neue Situation und versuchen, das Beste daraus zu machen“, sagte Michael Harms, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA) dem RND. Geschäfte, die unter die Sanktionierung fallen, seien sofort eingestellt worden. Andere Unternehmen mussten ihre Produktion herunterfahren, weil sie keine Zulieferungen mehr bekommen, logistische Probleme haben oder ihre Zahlungen nicht mehr abwickeln können.

Wieder andere Firmen schalten aus politischen Gründen oder wegen der Reputation ab. So verkündete Siemens bereits am 1. März die Einstellung seines Neugeschäfts in Russland und der internationalen Lieferungen dorthin. Siemens hatte in der Vergangenheit unter anderem Züge nach Russland verkauft und langfristige Serviceaufträge vereinbart. „Unsere lokalen Service- und Wartungsaktivitäten werden wir unter strikter Einhaltung der Sanktionen fortsetzen“, hieß es.

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Anfang Januar war Steffen Greubel, Vorstandschef des Handelsriesen Metro AG (Düsseldorf), noch sehr optimistisch, dass sich die Spannungen mit Russland legen werden. Metro legte 2021 trotz pandemiebedingter Schwierigkeiten beim Umsatz um 3,3 Prozent zu. Mit einem Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro ist das Russland-Geschäft inzwischen das drittgrößte Engagement von Metro im Ausland.

Der deutsche Konzern besitzt im größten Flächenland der Erde inzwischen 3000 lokale Lieferanten und 3,5 Millionen Kunden. „Besonders in der Food-Service-Distribution sehen wir weiterhin gute Wachstumschancen“, sagte Greubel im Januar auf einer Wirtschaftskonferenz.

Schmähungen gegen Metro

Jetzt sieht sich der Konzern Schmähungen ausgesetzt, weil er bislang nicht bereit ist, sein Russland-Geschäft einfach aufzugeben. „Unsere größte Sorge gilt unseren 3400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Ukraine“, sagte Metro-Kommunikationschef Gerd Koslowski dem RND. Es gibt sehr viele Hilfsaktionen, Metro-Mitarbeiter würden privat ukrainische Flüchtlinge aufnehmen und Transporte organisieren.

„Metro versucht mit allen Mitteln, das Geschäft in der Ukraine aufrechtzuerhalten, um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sicherzustellen“, betonte Koslowski. Jeden Tag bewerte das lokale Management die Sicherheitslage, und in der Regel seien rund 20 der insgesamt 26 operativen Stores von Metro Ukraine geöffnet.

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Der Krieg gegen die Ukraine sei vom Vorstand intern und extern klar benannt und auch verurteilt worden. Dennoch sehe man auch eine Verantwortung für die 10.000 Mitarbeiter von Metro Russland und deren Familien sowie für die Versorgung mit Lebensmitteln insbesondere für die kleineren und mittleren Händler und Restaurants in Russland. „Diese Entscheidung wurde ausführlich diskutiert und abgewogen, und wir beobachten die weiteren Entwicklungen sehr genau“, sagte Koslowski.

Der Ost-Ausschuss hat registriert, dass generell Firmen, die weder unter die Sanktionsrichtlinien fallen noch eine große politische Bedeutung haben, ihre Arbeit in Russland erst einmal fortsetzen, wie Geschäftsführer Harms berichtet. Man dürfe auch nicht erwarten, dass jeder Mittelständler mit seiner Geschäftsaufgabe Herrn Putin in die Knie zwingen könnte. Auf der anderen Seite würden am Russland-Geschäft Tausende Arbeitsplätz dort, aber auch hier in Deutschland hängen.

Unterdessen nimmt die Drohung Russlands, ausländische Unternehmen zu verstaatlichen, sollten diese Russland verlassen, konkretere Züge an: Das russische Wirtschaftsministerium sprach sich dafür aus, die Firmen unter „äußere Kontrolle“ zu bringen, wenn sie zu 25 Prozent oder mehr in ausländischem Eigentum sind, teilte die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (AHK) in einem Newsletter an ihre über 1000 deutschen Mitgliedsunternehmen mit.

Die Regel soll bei Eigentümern aus den „unfreundlichen Staaten“ greifen, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben, heißt es dort. Laut einem Gesetzentwurf, den die Regierungspartei Einiges Russland ausgearbeitet hat, soll ein Gericht über die Einsetzung der äußeren Kontrolle befinden.

Die ausländischen Eigentümer hätten dem Entwurf zufolge danach fünf Tage Zeit, die Tätigkeit des Unternehmens in Russland wiederaufzunehmen oder ihre Anteile zu verkaufen. Andernfalls werde für drei Monate eine Verwaltung eingesetzt, danach folge die Versteigerung.

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