Folge des Krieges

Nach Russland-Sanktionen: Bei Linde droht der Abbau von 600 Stellen

Linde produziert nicht nur Industriegase, sondern auch große Industrieanlagen.

Linde produziert nicht nur Industriegase, sondern auch große Industrieanlagen.

München. Die Hiobsbotschaft kam per Videokonferenz. Weil die Sanktionen gegen Russland unwiederbringlich fast zwei Drittel des Auftragsbestands im Anlagenbau des Dax-Konzerns gekostet haben, müsse das Management nun zu „notwendigen strukturellen Maßnahmen am Standort Pullach“ greifen, verkündete der für das Geschäft zuständige Linde-Vorstand Jürgen Nowicki diesen Mittwoch der dort gut 2.000 Personen starken Belegschaft. So ist das in einem offenen Brief des Betriebsrats festgehalten. Rund 30 Prozent des Geschäfts sei anhaltend verloren, was nun Stellenabbau in ähnlicher Dimension nach sich ziehe, erklärte Nowicki nach Angaben von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung. 600 Stellen sind damit akut bedroht.

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Ein Firmensprecher will weder diese Zahl noch die Vorgänge als solches kommentieren. Man spreche mit der Belegschaft, hieß es vage. Die Zurückhaltung könnte auch an den Strukturen liegen, über die der wertvollste deutsche Dax-Konzern mittlerweile gemanagt wird. Seit seiner Fusion mit dem US-Rivalen Praxair wird das Hauptgeschäft von Linde mit Industriegasen von den USA aus geführt. In Pullach vor den Toren Münchens residiert nur noch die Zentrale für den Anlagenbau, der lange als Ertragsperle galt.

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Das lag vor allem auch daran, dass die Sparte margenstarke Aufträge des russischen Staatskonzerns Gazprom in mehrfacher Milliardenhöhe in seinen Büchern stehen hatte. Sanktionen des Westens wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben die mit einem Federstrich über Nacht obsolet gemacht.

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Auch der Belegschaft war klar, dass das nicht ohne Folgen bleiben konnte. Sie hatte aber auf Kurzarbeit spekuliert oder eine befristete Reduzierung der Arbeitszeit, was deutsche Tarifverträge in Krisenzeiten erlauben. Beide Varianten seien aber jetzt vom Management vom Tisch gewischt worden, bedauerten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Videokonferenz von diesem Mittwoch.

Die Belegschaft murrt nun vernehmlich und will sich nicht in ihr Schicksal fügen. Mithilfe eines Wirtschaftsberaters will sie Alternativen zu einem Kahlschlag erarbeiten, wird im offenen Brief angekündigt.

Wasserstoffwirtschaft könnte neue Großaufträge bringen

Was das Personal in Pullach zusätzlich erzürnt, sind angebliche Pläne, Arbeiten an indische Billiglohnstandorte zu verlagern. Auch zu diesem Punkt schweigen Sprecher des Konzerns. Grundsätzlich stehe der Anlagenbau von Linde nämlich vor einer vielversprechenden Zukunft, glaubt das Personal. Der Umbau der deutschen und europäischen Energieversorgung mit Wasserstoffwirtschaft als wesentlicher Säule der Zukunft lasse bald viele neue Großaufträge erwarten.

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Dem Vernehmen nach liegt die Dimension der Neuaufträge für Linde schon im laufenden Jahr deutlich über ursprünglichen Erwartungen. Wenn es so kommt, wie von der deutschen Belegschaft befürchtet, würden die dann aber immer mehr in Indien und immer weniger in Deutschland abgearbeitet. Mit dieser Strategie wolle das US-Management von Linde auch in Krisenzeiten die Gewinne hoch halten.

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„In einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation halten wir es für unangemessen und moralisch fragwürdig, ausschließlich auf die Umsatzrendite zu schielen und damit Personalabbau zu begründen“, wird im offenen Brief kritisiert. Das Personal erwarte in dieser Lage vielmehr Unterstützung seitens des Management auch mit Blick auf mittelfristig glänzende Zukunftsaussichten. Bei einem Personalabbau im angekündigten Ausmaß würde in Pullach als zentralem Standort für den Anlagenbau auch viel Know-how verloren gehen und das die künftige Auftragsakquise gefährden.

Auch auf die Bundes- sowie Landespolitik hoffen die Lindeaner in dieser prekären Lage. Die aktuelle Not sei nicht selbst verschuldet. Man sei vielmehr ein Opfer des Kriegs in der Ukraine wie das Personal der Großraffinerie im brandenburgischen Schwedt oder die Belegschaft des größten deutschen Gashändlers Uniper in Düsseldorf. Dort habe die Politik versichert, Beschäftigte nicht im Regen stehen zu lassen.

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