Vorrat für den Winter

Erdgasspeicher zu 95 Prozent gefüllt – doch keine Zeit für Entwarnung

Technische Anlagen stehen auf dem Gelände der Gasspeicheranlage Huntorf des Energieversorgers EWE AG. Deutschlands Gasspeicher sind zu mehr als 95 Prozent gefüllt.

Technische Anlagen stehen auf dem Gelände der Gasspeicheranlage Huntorf des Energieversorgers EWE AG. Deutschlands Gasspeicher sind zu mehr als 95 Prozent gefüllt.

Frankfurt am Main. Mission erfüllt: Die hiesigen Gasspeicher sind vorzeitig zu 95 Prozent voll. Nach den Vorgaben der Bundesregierung sollte das Ziel erst am 1. November erreicht werden. Doch das unerwartet schnelle Aufstocken der Reserven hat auch einen hohen Preis.

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Nach den Daten des europäischen Verbandes der Gasspeicher-Betreiber (GIE) wurden bereits am Dienstag in den unterirdischen Lagerstätten 233.114 Gigawattstunden gebunkert. Das entspricht 94,97 Prozent der gesamten Kapazität. Aktuellere Zahlen lagen am Donnerstag noch nicht vor. Alle Expertinnen und Experten sind sich aber sicher, dass inzwischen die 95-Prozent-Schwelle überschritten wurde.

„Die gut gefüllten Speicher werden uns im Winter helfen. Allein reichen die Speicher aber nicht. Rein mengenmäßig reicht das Gas in den Speichern für ungefähr zwei kalte Wintermonate“, sagte ein Sprecher der Bundesnetzagentur (BnetzA) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Als Vergeltung für Sanktionen und die Unterstützung der Ukraine hatte Russland seine Gaslieferungen zunächst verringert und dann vollständig eingestellt. Um die Versorgung in den Wintermonaten zu sichern, legte die Bundesregierung per Gesetz ambitionierte Vorgaben für das Auffüllen der Speicher fest. Doch schon die Ziele für die Termine Anfang September und Anfang Oktober wurden früher als vorgeschrieben erreicht.

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Wetter spielte mit

Die Gründe sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielte das Wetter. So war es seit dem Frühsommer deutlich wärmer als in den Vorjahren. Einen Rückschlag gab es zwar mit einer Serie von extrem kühlen Tagen im September. Das wurde aber seit Anfang Oktober mit viel Sonne und hohen Temperaturen kompensiert. Es musste in den Wohnungen und Büros kaum geheizt werden. Ein weiterer wichtiger Faktor waren hohe Gaspreise, die viele Industrieunternehmen dazu zwangen, den Verbrauch herunterzufahren – auch auf Kosten der Produktion.

Fachleute in staatlichen Stellen sind jedenfalls überrascht, dass über Monate regelmäßig größere Mengen zum Einspeichern übrig blieben. Es dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und BnetzA-Chef Klaus Müller gebetsmühlenartig Sparsamkeit bei den Verbrauchern und Verbraucherinnen anmahnten. Und zudem wurde der Trading Hub Europe (THE) von der Regierung zum halbamtlichen Speichergaseinkäufer mandatiert und mit Liquiditätshilfen in Milliardenhöhe von der Staatsbank KfW ausgestattet.

THE ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Betreiber von Ferngasnetzen und als sogenannter Marktgebietsverantwortlicher dafür zuständig, die Versorgung mit Erdgas zu organisieren. THE hat sich inzwischen in den unterirdischen Kavernen erhebliche Kapazitäten gesichert. Diese werden von großen Gasunternehmen betrieben, die auch auf eigene Rechnung den flüchtigen Brennstoff einlagern.

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Keine Entwarnung

Trotz der positiven Nachrichten gibt es für die Netzagentur aber noch keinen Grund zur Entwarnung. „Um eine Gasnotlage im Winter zu vermeiden, müssen zusätzlich die angestoßenen Projekte zur Erhöhung der Gasimporte realisiert werden“, betont der BnetzA-Sprecher. Zu Beginn des neuen Jahres sollen zwei Terminals für Anlanden von verflüssigtem Erdgas (LNG) in Betrieb genommen werden. Zweitens müsse die Gasversorgung in unseren Nachbarländern ebenfalls stabil bleiben. Insbesondere kommt es dabei darauf an, wie sich die Lage in Osteuropa entwickelt.

„Und drittens muss der Gasverbrauch um mindestens 20 Prozent sinken. Da kommt es auf jeden Einzelnen an“, so der BnetzA-Sprecher. Einige Zahlen machen das deutlich: Experten kalkulieren, dass etwa 3000 Gigawattstunden täglich importiert werden. Der Verbrauch kann aber massiv schwanken.

Als es im September kurzzeitig bitterkalt wurde, mit Durchschnittstemperaturen von acht Grad, sprang der Gasverbrauch von rund 1800 auf 2600 Gigawattstunden am Tag, weil allenthalben die Heizungen angeworfen wurden. 4500 Gigawattstunden können es schon an einem normalen Wintertag durchaus werden. Und wenn es deutlich unter null Grad geht, dann sind auch 6000 Gigawattstunden drin.

An solchen Tagen können die unterirdischen Brennstoffvorräte rasant schwinden. Die Netzagentur geht deshalb auf Nummer sicher: „Am 1. Februar soll der Füllstand der Speicher noch mindestens 40 Prozent betragen. Denn erstens kann es auch im Februar und März noch sehr kalt werden, und zweitens müssen die Speicher für den Winter 2023/2024 auch wieder aufgefüllt werden“, so der Sprecher.

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Schwierige Wintermonate

Das könnte in den nächsten Monaten noch ziemlich vertrackt werden. Zwei Dinge sollten denn auch Beachtung finden, fordert Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines): „Zum einen waren die Vorgaben für die Speichernutzer weniger wirksam als gehofft. Trading Hub Europe hat in erheblichem Umfang Gas außerhalb des Marktes einspeichern müssen, damit die Füllstandsziele erreicht werden“, sagte Bleschke dem RND. Er fügt hinzu: „Zudem ist THE ein enormes Marktrisiko eingegangen, weil die gespeicherten Mengen noch nicht am Terminmarkt veräußert wurden.“ Falls der Preis falle, könnte dies zu erheblichen Verlusten bei THE führen, die mit der Speicherumlage von den Gaskundinnen und Gaskunden bezahlt werden müssten. Diese neue Umlage macht derzeit 0,06 Cent pro Kilowattstunde aus.

Ähnliche Wortmeldungen kommen auch von anderen Experten aus der Branche. THE soll zeitweise gekauft haben, was auf dem Markt zu tagesaktuellen Preisen zu haben war. Damit soll THE auch zu den enormen Preissprüngen nach oben im Großhandel beigetragen haben, was andere potenzielle Käufer von Speichergas abgeschreckt habe. Inzwischen fallen die Preise wieder. Die europäische Benchmark (Dutch TTF) notierte gestern bei 159 Euro pro Megawattstunde. Der Höchstwert lag Ende August bei fast 350 Euro.

Für Bleschke ist klar: „Der Staat muss sich die Frage stellen, ob THE tatsächlich selbst Gas beschaffen und speichern sollte, um ein Erreichen der Füllstandsziele sicherzustellen.“ Der Vorschlag des Ines-Chefs: Alternativ könne THE die mit dem Gasspeichergesetz eingeführten Strategic Storage Based Options (SSBO) stärker nutzen, um diese Aufgabe Marktakteuren zu übertragen, die das seit Jahrzehnten machen und über eine entsprechend größere Erfahrung mit dem Gashandel verfügen. Bei den SSBO kauft THE das Gas nicht selbst, sondern schreibt Speicherkontingente aus. Anbieter, die zum Zuge kommen, müssen sich dann zu einer Einspeicherung zu einem Stichtag verpflichten und zudem jederzeit eine Teilmenge des Gases zum Abruf durch THE bereithalten.

Indes hat sich die Versorgung wieder ein bisschen verbessert: Frankreich hat mit der Lieferung von Erdgas an Deutschland begonnen. Seit Donnerstag fließe Gas über die einzige Verbindungsstelle zwischen beiden Ländern bei Medelsheim im Saarland, teilte der Netzbetreiber GRTGaz mit. Zunächst werden 31 Gigawattstunden täglich über die Grenze gepumpt, die maximale Kapazität liegt bei 100 Gigawattstunden pro Tag.

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