Die Preise explodieren

Öl und Gas: Der Russland-Schock lässt die Märkte beben

Ein Gastank in Bonn: Die Preise steigen und steigen.

Ein Gastank in Bonn: Die Preise steigen und steigen.

Frankfurt. Man muss schon eine ganze Weile zurückblicken, um vergleichbare Verwerfungen an den globalen Energiemärkten zu finden. In der Nacht zum Montag sprang an asiatischen Rohstoffbörsen der Preis für Rohöl auf rund 140 Dollar pro Fass (159 Liter), was einem Aufschlag von rund 18 Prozent im Vergleich zum Schlusskurs vom Freitag entspricht. Die für Europa maßgebliche Referenzsorte Brent notierte am Montagmorgen bei knapp 130 Dollar. Vor einem Jahr war ein Fass ungefähr halb so teuer gewesen.

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Am internationalen Gasmarkt bietet sich derzeit ein ähnliches Bild: Am wichtigen niederländischen Handelspunkt TTF (Title Transfer Facility) kostete eine Megawattstunde Erdgas am Montag zeitweilig 345 Euro, ein Plus von rund 60 Prozent. Am späten Nachmittag waren es noch 260 Euro. Zum Vergleich: Ende 2021, als die Preise schon hoch waren, wurden für die Megawattstunde rund 150 Euro fällig. In der Vergangenheit hatte sich der Preis eher zwischen 10 und 25 Euro bewegt – ein Bruchteil des heutigen Niveaus.

Ursache für die außergewöhnlichen Preissprünge sind Überlegungen der US-Regierung, einen Einfuhrstopp für russisches Öl zu verhängen. US-Außenminister Antony Blinken hatte gesagt, seine Regierung sei in „sehr aktiven Diskussionen“ mit den europäischen Alliierten über einen Boykott der russischen Energielieferungen. Offenbar kam vom Alten Kontinent aber ein Nein, weshalb die US-Regierung laut der US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg einen Alleingang ernsthaft in Erwägung zieht.

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Bislang haben die westlichen Staaten die Finger von Sanktionen gegen russische Energieexporte gelassen – aus Angst vor massiven negativen Folgen für ihre eigenen Volkswirtschaften – genauer gesagt: aus Angst vor einem Inflationsschock.

„Bewusst hat Europa Energielieferungen aus Russland von Sanktionen ausgenommen“, ließ Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Montag per Pressemitteilung wissen. „Die Versorgung Europas mit Energie für die Wärmeerzeugung, für die Mobilität, die Stromversorgung und für die Industrie kann im Moment nicht anders gesichert werden“, so der SPD-Politiker weiter. Energie aus Russland sei von essenzieller Bedeutung für das tägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger. Zwar werde an Alternativen zu russischer Energie gearbeitet, das werde aber noch dauern, sagte Scholz.

Der Internationale Währungsfonds hatte bereits am Wochenende gewarnt, dass die wirtschaftlichen Maßnahmen gegen Russland einen starken Einfluss auf die gesamte globale Ökonomie haben dürften. Derzeit sei die Lage schwer überschaubar und die Unsicherheit außergewöhnlich groß. Sicher sei aber, dass es sehr ernste Konsequenzen gebe.

Die Amerikaner erhöhen den Druck

Die Amerikaner würden unter einer Eskalation weit weniger leiden als die Europäer. Für die USA ist Russland nur ein untergeordneter Lieferant von Erdöl. Die Staaten versorgen sich zu einem großen Teil selbst und beziehen größere Mengen aus Saudi-Arabien.

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Ein wichtiger Faktor bei den aktuellen Preissprüngen ist, dass die Nachfrage noch immer extrem hoch ist. Dies wird von Experten vor allem mit der wirtschaftlichen Erholung im Zuge der ausklingenden Pandemie begründet. Ein sicheres Zeichen dafür ist, dass an den Terminmärkten kurzfristige Lieferungen im Vergleich zu längerfristigen Kontrakten immer teurer werden.

Viele Rohstoffanalysten haben inzwischen ihre Prognosen über die weitere Preisentwicklung deutlich nach oben korrigiert. Die Experten der US-Bank JP Morgan Chase gehen von 180 Dollar aus. Aber auch 200 Dollar halten viele Akteure auf dem Ölmarkt für wahrscheinlich. Dabei spielt eine Rolle, dass viele Rohstoffhändler selbst bereits vorige Woche damit begonnen hatten, keine Deals mit russischem Öl mehr zu machen, wegen der wachsenden Unsicherheiten bei der Lieferung des Rohstoffs – zahlreiche Banken sind nicht mehr bereit, solche Transaktionen vorzufinanzieren. So wurde ein Boykott vorweggenommen.

Alte Höchstmarke wackelt

John Discoll vom Energieberatungsunternehmen JTD sagte in einem Interview am Sonntag: Es sei derzeit sehr schwierig, den Höhepunkt der Preisrallye vorherzusagen. Die aktuellen Aufschläge würden vom geringen Angebot getrieben. Die alte Höchstmarke von 150 Dollar würde wahrscheinlich überschritten, bevor sich die Notierungen stabilisierten.

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Bloomberg zufolge verhandeln hochrangige US-Offizielle unter anderem mit Venezuelas Regierung, um die dortige Förderung zu steigern. Zudem kursieren seit Tagen Spekulationen, dass es bald eine Einigung über einen neuen Atomvertrag mit dem Iran geben könnte. Dann würden Sanktionen gegen das Land fallen, und die Mullahs könnten für ein größeres Angebot auf dem Weltmarkt sorgen.

Wie sich Saudi-Arabien – neben Russland der größte Erdölproduzent – künftig verhalten wird, ist unklar. Zuletzt haben die Saudis die Preise für ihr Öl im bilateralen Handel heraufgesetzt. Experten vermuten, dass dies auch geschieht, um Putin nicht zu verärgern. Russland kooperiert mit den Arabern im Opec+-Plus-Kartell. Die bislang nur zögerliche Erhöhung der Opec-Förderquoten hatte die Notierungen schon vor der Ukraine-Invasion in die Höhe getrieben.

Unter anderem das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft warnt bereits seit einiger Zeit vor einer sogenannten Stagflation. Gemeint ist damit, dass die Wirtschaftsleistung sinkt, zugleich aber die Inflation hoch bleibt. Das könnte schrumpfende Gewinne der Unternehmen, Kaufkraftverluste für Verbraucher und eine höhere Arbeitslosigkeit nach sich ziehen.

Mit den hohen Energiepreisen wächst der Druck auf die Notenbanken, die Zinsen zu erhöhen – in der Hoffnung auf eine Dämpfung der Inflation. Es ist aber umstritten, ob dieser Mechanismus in der derzeitigen Lage noch wirken kann. Höhere Zinsen könnten die Konjunktur abwürgen. Am Donnerstag kommt der EZB-Rat zusammen, um über die weitere Geldpolitik zu entscheiden.

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