Keine Zuckerwerbung mehr zur Hauptsendezeit?

Werbeverbot für Ungesundes? Süßwarenindustrie kritisiert Vorstoß heftig

Mediziner und Verbraucherschützer fordern umfassende Beschränkungen bei der Werbung für ungesunde Kinder-Lebensmittel.

Mediziner und Verbraucherschützer fordern umfassende Beschränkungen bei der Werbung für ungesunde Kinderlebensmittel.

Es ist ein Appell, der es in sich hat: Ein breites Bündnis aus NGOs sowie den großen Krankenkassen plädiert für ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel zwischen 6 und 23 Uhr. In einem Brief an die Ampelkoalition schlagen die 40 Organisationen zudem eine Plakatbannmeile vor Kitas und Schulen vor.

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Keine Werbung für Snacks, Limonade oder Eis mehr zur Hauptsendezeit? Beim Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) kommt das naturgemäß nicht gut an. „Ohne Werbung lebt es sich nicht per se gesünder“, sagte eine Sprecherin auf RND-Anfrage. Werbeverbote seien nach Einschätzung des BDSI nicht geeignet, um einen Beitrag „zur Lösung des gesamtgesellschaftlichen Problems“ des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen und den damit verbundenen Folgekrankheiten zu leisten. Vielmehr seien Bewegungsförderung, Bildung über Ernährung oder Medienkompetenz entscheidend.

Süßigkeitenverband spricht von „Scheinlösung“

Der Verband will deshalb, dass sich die Bundesregierung an Lösungen dafür beteilige, statt sich mit „Scheinlösungen wie umfassenden Werbeverboten zu beschäftigen“. Denn laut dem BDSI stünden Kinder bei der Süßwarenwerbung sowieso nicht im Fokus. Außerdem fehle eine wissenschaftliche Basis für solche Eingriffe.

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Laut der BDSI-Sprecherin sei Lebensmittelwerbung in Deutschland bereits umfassend reguliert – gesetzlich wie selbstregulativ. Weitere Werbeverbote hätten „erhebliche negative Folgen für die gesamte Lebensmittelwirtschaft“, und sie würden den Wettbewerb und die Kommunikation über neue Produkte beeinträchtigen.

In der App "Too Good to go" kann man übrig gebliebene Lebensmittel bei Restaurants und Supermärkten in der Nähe kaufen.

Lässt sich mit der App „Too Good To Go“ beim Einkauf sparen?

Ein paar Bier, etwas vom Hotelfrühstücksbuffet, Backwaren oder ein besonderes Abendessen – mit der App „Too Good To Go“ kann man Lebensmittel vor der Tonne retten. Aber lässt sich damit auch Geld sparen? Ein Test.

Werbewirtschaft: Verbote hätten erhebliche negative Folgen

Der Spitzenverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) sieht das ähnlich. Präsident Andreas Schubert verweist darauf, dass das Schalten von Werbung für viele Medien wichtig sei. „Werbeverbote hätten erhebliche negative Folgen für die Refinanzierung von Medien und den Erhalt der Medienvielfalt“, sagt er. Unternehmen stünden derzeit sowieso vor großen Herausforderungen. „Die Kampagne ignoriert die entscheidende Fragestellung für die Bekämpfung und Prävention von Übergewicht: Wie können die Möglichkeiten für eine ausgewogene Gesamternährung und einen aktiven Lebensstil, die in der Gesellschaft ungleich wahrgenommen werden, praktisch verbessert werden?“, so Schubert. „Es ist illusorisch zu glauben, dass Werbeverbote hierfür eine praktische Hilfestellung geben.“

Zumal, so der ZAW-Präsident, wenn sie auf der „ernährungswissenschaftlich unhaltbaren Einteilung“ von Lebensmitteln in „angeblich gesunde und ungesunde“ beruhen würden. Denn in einer ausgewogenen Ernährung hätten alle Lebensmittel ihren Platz. Der ZAW kritisiert zudem die Methodik der Daten, auf die sich die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner beziehen.

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Ampelkoalition will Werbung eindämmen

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner hatten in ihrem Appell darauf verwiesen, dass Kinder und Jugendliche zu viele Süßigkeiten und zu wenig Obst und Gemüse essen würden. Dabei sei eine ausgewogene Ernährung „elementar für die Gesundheit“, vor allem bei jungen Menschen. Hintergrund des Appells ist, dass das Ernährungsministerium an einem Gesetzentwurf arbeitet, um Werbung für ungesunde Lebensmittel in Kindersendungen einzudämmen.

In der SPD-Fraktion wird der Appell begrüßt. „Die Ernährungspräferenzen werden im hohen Maße im Kindesalter geprägt und dabei spielt Werbung eine bedeutende Rolle“, sagte Rita Hagl-Kehl, die stellvertretende Sprecherin für Ernährung und Landwirtschaft. 15 Prozent der Kinder und Jugendliche würden als übergewichtig, 6 Prozent sogar als adipös gelten. „Die Zahlen sind alarmierend und es besteht dringender Handlungsbedarf“, so die SPD-Politikerin.

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Die Fraktion setze sich seit Jahren für ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung ein. „Unser Ziel ist es, Kinder zu schützen sowie Eltern und Familien dabei zu unterstützen, ihre Kinder ausgewogener und gesünder zu ernähren“, Aus diesem Grund befürworte die Fraktion den Appell ausdrücklich, so Hagl-Kehl. „Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind eine gute Grundlage für eine klare Regulierung.“ Jetzt müsse das Ernährungsministerium tätig werden und einen „ambitionierten Gesetzentwurf vorlegen, der eine umfassende bundesweit einheitliche Regulierung vorsieht.“

Künast: weitreichende Regulierung dringend notwendig

Auch Renate Künast, ernährungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, stellt sich hinter den Appell. „Die Initiative des Bündnisses begrüße ich. Werbung für überzuckertes Müsli oder Snacks, bei denen bereits eine Portion den Tagesbedarf an Zucker übersteigt, finden wir täglich und überall – ob im TV, Internet, Radio oder über Influencerwerbung“, sagte sie dem RND. Kindermarketing sei ein „teuflischer Verführer“, der wirke.

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Man könne sich nicht „länger auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft“ verlassen. „Eine weitreichende Werberegulierung ist dringend notwendig, um die Gesundheit von Kindern zu schützen“, so Künast. Sie verwies dabei auf den Gesetzentwurf, an dem ihr Parteikollege und Ernährungsminister Cem Özdemir bereits arbeitet – der allerdings bisher nur Kindersendungen im Fokus hat.

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