Industrieprojekt Catena-X

Wie recycelt man ein Auto?

Ein Transporter durchläuft die Montage im Werk von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover. (Symbolbild) Für stockende Lieferketten braucht es Alternativen, meint OZ-Redakteur Volker Penne.

Was genau an Materialien in einem Auto steckt, weiß heute kaum jemand entlang der Wertschöpfungskette.

München. Die Gegenwart ist umweltfeindlich und verschwenderisch. „Wir werfen 80 Prozent in den Schredder, weil wir nicht wissen, welche Rohstoffe genau enthalten sind“, beschreibt Marius Pohl die Lage. Er ist Chef des Autorecyclers LEP und spricht von der Wiederverwertungsquote heutiger Schrottautos.

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Nicht alle ihre Bestandteile lassen sich am Ende wohl auch kostengünstig recyceln. Aber um die Spreu vom Weizen zu trennen, müsste man erst einmal wissen, was welcher Kategorie zuzuordnen ist. Der Lösung dieser und anderer Aufgaben im Bereich automobiler Lieferketten hat sich die Brancheninitiative Catena-X verschrieben, die vor Jahresfrist gegründet wurde und nun in ihre operative Phase tritt. Pohls LEP Autorecycling ist eines von mittlerweile 106 Catena-Mitgliedern.

Den Stand ihres Tuns hat die Initiative in der Münchner IT-Zentrale von Gründungsmitglied BMW präsentiert, was Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zu einer Grußbotschaft inspiriert. „Etwa 5000 Einzelteile stecken in einem Kfz-Kabelstrang“, zeigt der sich dabei gut informiert. Jetzt solle man sich mal die dahinterstehende Lieferkette vorstellen. Die ist hochgradig komplex, soll das heißen. Aber um zu wissen, welche Materialien in einem Auto verbaut sind, welchen CO₂-Fußabdruck sie jeweils haben und wie auf dieser Basis eine automobile Kreislaufwirtschaft erzeugt werden kann, muss auch der Minenbetreiber ganz am Ende der Wertschöpfungskette dazu verlässliche Daten liefern. Die können dann Zulieferer wie Autohersteller bei der Entwicklung neuer Modelle nutzen, um nachhaltigere Autos zu bauen, die Verwerter leichter recyceln können.

Auch Versorgungssicherheit spielt bei Catena-X eine große Rolle. „Lieferketten sind brüchig geworden, wir müssen unsere Abhängigkeiten beispielsweise von China reduzieren“, betont Habeck und lobt die Initiative als industriepolitisches Leuchtturmprojekt. „Damit können wir die Frage beantworten, wie alles zusammenhängt“, glaubt der Grüne und nennt Catena-X den Anspruch, digitale Karteikarten von Autos zu schaffen. Dazu müssten aber auch kleine und mittelständische Firmen mitmachen, die an der automobilen Wertschöpfung beteiligt sind.

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Daran arbeitet Oliver Ganser unter Hochdruck. „Wir wollen Ende des Jahres mit einem ersten Anwendungsfall und tausend teilnehmenden Firmen starten“, sagt der Chef von Catena-X. Dazu sollen die Datenströme von Rohstoff schürfenden Minenbetreibern, allen Arten von Zulieferern, Autoherstellern und Recyclern erstmals weltweit durchgängig vernetzt werden, um den genauen ökologischen Fußabdruck eines Autos und seiner Bestandteile ermitteln zu können. Das soll nur der Anfang sein. Weltweit seien etwa 275.000 Unternehmen an der Automobilproduktion beteiligt, weiß Ganser.

Über 100.000 und damit gut ein Drittel dieser Firmen will er an Catena-X ankoppeln. „Es geht nun darum, schnell zu skalieren“, stellt der Catena-Boss klar.

Catena-X entfaltet einen Zwang zum Mitmachen

SAP-Chef Christian Klein ist zuversichtlich, dass das gelingt. Auch der Softwarekonzern ist Mitglied der Initiative. „Jeder Zulieferer bekommt Druck, weil er Anforderungen neuer Lieferkettengesetze erfüllen muss“, beschreibt er die Zwänge, die Catena-X in die Karten spielen. Am Ende werde die freiwillige Teilnahme an der Initiative dann doch so etwas wie ein Zwang, weil Kfz-Lieferanten mit abnehmenden Autokonzernen im Geschäft bleiben wollen und auch Investoren mehr Lieferkettentransparenz sowie nachprüfbare Nachhaltigkeit fordern.

„Niemand wird daran vorbeikommen, weil sich verweigernde Firmen sonst an den Prozessen nicht mehr teilhaben“, schätzt auch Matthias Kurrle. Er ist Chef des mittelständischen Kfz-Zulieferers CCT Coating Systems, der schon Teil von Catena-X ist. Kurrle hat die Zeichen der Zeit verstanden, obwohl es BMW-Chef Oliver Zipse konziliant formuliert. „Mitgliedschaft bei Catena-X wird nicht zum alleinigen Vergabekriterium“, sagt er mit Blick auf Bestellungen seines Hauses bei Zulieferern. Aber großen Wert auf Nachhaltigkeit lege BMW schon und hoffe, die Vorteile eines Catena-Zerifikats klarmachen zu können.

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Mitglieder und Ziele von Catena-X

Die Brancheninitiative Catena-X wurde im Mai 2021 von Größen der deutschen Autoindustrie und darüber hinaus als erstes Projekt seiner Art weltweit gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern zählen die Autobauer VW, BMW und Mercedes-Benz, die großen traditionellen Zulieferer Bosch und ZF Friedrichshafen oder relativ neue Partner der Autoindustrie wie Deutsche Telekom, SAP und Siemens. 230 Millionen Euro stehen vorerst zur Finanzierung bereit. Davon sind 105 Millionen Euro staatliche Fördergelder. Bis 2024 will Catena-X zehn erste Anwendungsfälle entwickelt haben. Den Startschuss noch dieses Jahr bildet das Thema CO₂-Fußabdruck und Nachhaltigkeit. Rasch folgen sollen verlässliche Datenströme zu Kreislaufwirtschaft oder Bedarfs- und Kapazitätsmanagement. Letzteres soll dafür sorgen, dass die Autoindustrie neue Chipkrisen zwar nicht komplett verhindern, aber früher erkennen und besser beherrschbar machen kann.

Bei ausländischen Zulieferern gebe es jedenfalls große Nachfrage nach einer Beteiligung, sagt Klein, und auch das Bundeskartellamt habe der Initiative ihre Unbedenklichkeit bescheinigt, wirbt Ganser. „Catena-X ist ein globales Vorzeigeprojekt geworden“, sagt Habeck. Jetzt müssen in der deutschen Autoindustrie und ihren Verästelungen nur noch alle mitmachen.

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