Plötzlich Witwe mit 50: Wie eine Norderstedterin ihre Trauer bewältigt
Norderstedt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Oder besser gesagt, Liebe nach dem ersten Hören. Ein einziges Telefonat hat Simone Müller (alle Namen von der Redaktion geändert) ausgereicht, um sich sicher zu sein: Sie möchte mit dem Lkw-Fahrer Ralf Winter ihre Zukunft verbringen. In guten wie in schlechten Zeiten. So beschreibt die rothaarige Frau ihr Kennenlernen vor 15 Jahren.
Heute ist ihr Lebenspartner tot und Simone Müller mit gerade einmal 50 Jahren Witwe – die gemeinsamen Pläne und das Herz zerbrochen. Eigentlich heißt sie anders, möchte den Ballast ihrer Vergangenheit an ihrem neuen Wohnort jedoch hinter sich lassen. Neun Monate nach seinem Tod fällt es der Speditionskauffrau noch immer schwer, über ihren Verlust zu sprechen.
Vor ihr auf dem Tisch im Moorbek-Café liegt ein Tagebuch voller Bilder und Aufzeichnungen. Während der Krankheit ihres Partners hat sie dort tagtäglich ihre Gefühle niedergeschrieben. Daneben steht eine Packung Taschentücher, mit denen sie sich die Tränen abwischt. „Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich ihn nicht schrecklich vermisse“, sagt die fünffache Mutter. „Ralf hat mein Leben vollständig gemacht.“
Leberzirrhose reißt Lkw-Fahrer mit 58 aus dem Leben
Am 11. März 2023 ist der 58-Jährige an einem akuten Organversagen gestorben, eine Folge seiner Leberzirrhose. Elf Wochen lang hat er gegen die Krankheit gekämpft. „Sein Ende hat aber eigentlich im Februar 2019 begonnen, als ihn ein Arbeitsunfall fast in den Rollstuhl gebracht hat“, sagt Müller. Bis dahin sei ihr Freund eine Koryphäe in seinem Job gewesen, habe den Alltag als Berufskraftfahrer geliebt.
Bei einer Lieferung habe sich die Kupplung des Mitnahmestaplers verhakt, das Fahrzeug sei ins Wanken gekommen und habe sich überschlagen. Durch den Aufprall wird Ralf Winters zweiter Lendenwirbel zertrümmert. „Nach der Reha wollte er unbedingt wieder zurück in seinen Job“, erzählt seine Lebenspartnerin. Doch die Schmerzen seien bei der Wiedereingliederung zu groß gewesen. Er verliert den Job – und postwendend seinen Halt.
Umzug in den Norden: Witwe wagt Neuanfang in Norderstedt
„Ralf ist in eine tiefe Depression gefallen und hat sich immer weiter zurückgezogen.“ Mit der Depression sei der exzessive Alkoholkonsum gekommen. Wenn seine Freundin bei der Arbeit gewesen sei, habe er heimlich getrunken und aus Scham die Abhängigkeit verschwiegen. „Noch heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich seine Sucht nicht früher bemerkt habe. Er hat sich zugrunde gesoffen, egal, wie hart das klingt“, sagt die 50-Jährige.
An manchen Tagen fresse sie der Schmerz innerlich auf. Für das kommende Jahr hat sie nur einen Vorsatz: endlich einen Weg finden, mit dem Tod ihres Partners umzugehen. Was ihren Heilungsprozess unterstützen soll, ist ein Neuanfang weit weg von ihrer Heimat. Im September ist sie 800 Kilometer vom Bodensee in den Norden nach Norderstedt gezogen. Ein Leben in Norddeutschland sei immer ihr gemeinsamer Traum gewesen. Jetzt lebt sie ihn allein.
Verlust des Partners: Wochen vor dem Tod waren Höllenmarathon
„Zu Hause hat mich alles an ihn erinnert“, berichtet die Witwe. Jedes Café, jeder Ort in der Natur sei mit quälenden Erinnerungen verknüpft gewesen. An einem fremden Ort falle es ihr leichter, neben einer freien Bettseite einzuschlafen. „Durch den Umzug war ich außerdem gezwungen, Ralfs Sachen im Schrank auszumisten und das hat mir bei der Verarbeitung der Erlebnisse geholfen.“ In ihrer neuen Wohnung hängen nun die schönsten Momente ihres gemeinsamen Lebens eingerahmt als Foto an der Wand.
Die letzten Wochen der Krankheit möchte sie hingegen gerne vergessen: Auf die Diagnose im Dezember 2022 folgt ein Höllenmarathon im Krankenhaus – komatöse Zustände, Lähmungserscheinungen, mehrere Verlegungen in andere Kliniken. Durch eine Begleiterkrankung, die sogenannte hepatische Enzephalopathie, habe Winter Symptome eines Demenzerkrankten gezeigt. Zeitweise seine Partnerin nicht wiedererkannt.
Therapie und Gespräche helfen Norderstedterin bei Trauerbewältigung
Was für die 50-Jährige damals am schlimmsten gewesen ist: Sie fühlt sich mit der Situation allein gelassen. „Niemand bereitet dich darauf vor, wie du dich verhältst, wenn dein Partner sterbenskrank wird“, sagt sie. „Ich hätte mir mehr ehrliche Aufklärung von den Ärzten und Pflegekräften über die Krankheit sowie die Begleiterscheinungen gewünscht.“ Ihr seien Hoffnungen gemacht wurden, die die Realität zerplatzen ließ.
Kurz nach dem Tod ihres Partners erleidet Müller ein Burn-out und begibt sich in Therapie. „Ich bin im Dauerstress gewesen, habe fast nicht mehr geschlafen.“ In den elf Wochen seiner Krankheit habe sie 16 Kilogramm abgenommen, sei durch die täglichen Besuche knapp 10 000 Kilometer mit dem Auto gefahren. Mithilfe der Therapiesitzungen, Gesprächen mit anderen Witwen sowie der Unterstützung ihrer Tochter lernt sie, wieder nach vorne zu blicken. Schritt für Schritt. „Langsam habe ich wieder mehr gute Tage“, erzählt Simone Müller.
Hospitzverein Segeberg bietet Trauerbegleitung an
Wie individuell Trauer sein kann, weiß Elke Hoffmann vom Hospizverein Segeberg: „Wie ein Mensch diese Phase erlebt, hängt von der Beziehung zum verstorbenen Menschen sowie der eigenen Persönlichkeit ab.“ Manche Personen bräuchten viel Zeit für sich, anderen helfe die Struktur der täglichen Arbeit. Wichtig sei es nur, die Gefühle zu akzeptieren und sich die Hilfe zu suchen, die man zum Verarbeiten benötigt.
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Zur vollständigen Ansicht„Trauer ist keine Krankheit, sondern eine ganz normale Reaktion nach einem Verlust“, so Hoffmann. Im Kreis Segeberg können sich Trauernde telefonisch unter 04551 9631945 an den Hospizverein werden. Die Experten bieten Gesprächsmöglichkeiten und Trauergruppen an oder verweisen an weitere Institutionen.
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Auch Simone Müller hat sich einer Trauergruppe angeschlossen. „Es tut gut, dich mit Menschen auszutauschen, die deine Gefühlswelt selbst nachempfinden können“, sagt sie. Ihr nächstes Ziel ist eine gemeinsame Reise mit ihrer Tochter nach Dänemark – das Lieblingsland ihres verstorbenen Partners. Gemeinsam hatten sie es dort nicht mehr hingeschafft. Nun möchte sie selbst herausfinden, was ihm an Dänemark so gut gefallen hat.
KN