Studie zum Sprachwandel

Höflichkeit im Wandel: Warum junge Menschen seltener „bitte“ sagen

„Könntest du mir vielleicht in den Mantel helfen?“ Höflichkeit ist auch unter jungen Menschen verbreitet - und das oft ohne „bitte“ und „danke“.

„Wie heißt das Zauberwort?“ Dieser Satz dürfte viele Menschen an ihre Kindheit erinnern, als die Eltern ihnen nachdrücklich einschärften, wie wichtig das kleine Wort „bitte“ ist. Doch was für ältere Generationen oft selbstverständlich ist, verliert unter jüngeren Menschen zunehmend an Bedeutung: Laut Forschern sprechen 30-Jährige das Wort „bitte“ nur bei jeder vierten ihrer Bitten tatsächlich aus – 70-Jährige dagegen nahezu doppelt so häufig.

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Junge Menschen sagen seltener „bitte“ und „Sie“

Die Ergebnisse stammen aus dem internationalen Forschungsprojekt „Variantenpragmatik des Deutschen: Kommunikative Muster im Vergleich“ der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld. Darin analysierten Wissenschaftler unter anderem, wie Menschen Bitten formulieren und welche Rolle Alter und Region dabei spielen. Über Online-Fragebögen konnten die Befragten Auskunft darüber geben, wie sie in einer bestimmten Situation sprachlich reagieren würden.

Doch nicht nur das sogenannte Zauberwort „bitte“, sondern auch die förmliche Anrede „Sie“ wird laut den Ergebnissen der Studie immer seltener verwendet. „Jüngere Menschen duzen häufiger als ältere“, sagt Janel Zoske, Linguistin an der FU Berlin. „Die Wahl der Anrede hängt aber nicht nur vom eigenen Alter ab, sondern auch davon, wie alt unser Gegenüber ist.“

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Höflichkeit ist mehr als „bitte“ und „danke“

Bestätigt die Studie damit das weit verbreitete Vorurteil, dass junge Menschen unhöflicher sind als ältere? Nein, betonen die Wissenschaftler: sie nutzen einfach nur andere sprachliche Ausdrücke.

Wie Linguist Henrik Discher im FU-Magazin „Campus.Leben“ berichtet, sind Umgangsformen wie das Siezen und ein freundliches „Bitte“ oder „Danke“ zwar leicht als höflich zu identifizieren. Es gebe aber noch etliche weitere Wege, Höflichkeit auszudrücken, etwa durch die Verwendung des Konjunktivs, indirekte Formulierungen oder vorsichtige Fragen.

Auch Wörter wie „vielleicht“ oder „eventuell“ wirken sprachlich mild und freundlich. Der Satz „Könntest du mir das vielleicht erklären?“ könne deshalb durchaus höflich sein – auch ohne „bitte“ und „danke“.

Schroffe Deutsche, höfliche Schweizer?

Nicht nur das Alter, sondern auch regionale Unterschiede wirken sich auf die Umgangsformen aus. So zeigt sich der Studie zufolge ein Nord-Süd-Gefälle: Im Süden des deutschsprachigen Raums seien mehr Höflichkeitsmerkmale zu beobachten – und zwar auch in Kombination. Ein Beispiel sei: „Könnte ich bitte eventuell ganz kurz mal?“

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In der Schweiz sei es außerdem sehr verbreitet, Personen mit Namen zu begrüßen, was in Deutschland und Österreich dagegen seltener vorkomme. Henrik Discher berichtet, dass Menschen in der Schweiz Deutsche daher eher als schroff wahrnähmen. „Bisher gibt es jedoch keine überzeugenden empirischen Belege dafür, dass Menschen in Deutschland unhöflicher sprechen als in Österreich oder der Schweiz.“

RND/dpa/pp